#Writingfriday Der Maskenball

Teilnahme am Writingfriday von Elizzy https://readbooksandfallinlove.com
Die Schreibaufgabe ist, die Wörter „Maske, Habseligkeiten, müde, absichtlich, Widerling“ in eine Geschichte zu verwandeln.

Er saß vor dem Spiegel, strich das Satin Tuch über seine Hand und legte es im nächsten Atemzug neben sich. Er griff nach dem Pinsel.
Jeder Pinselstrich wurde mit Bedacht und Perfektion von seiner Hand geführt. Der Wechsel von Mascara zu Augenbrauenstiften zu Eyeliner zu Pinseln, sowie das Eintunken der zusammengeschnürten Pferdehaare in Puder, Make-Up Paletten, Lidschatten und Glitzer wirkten wie einstudiert. Passend zum Takt der Musik, die durch einen Plattenspieler zum Leben erweckt wurde, legte er die Pinsel wieder ab.
Normalerweise verhalf Ari Schauspielern und Schauspielerinnen, Tänzer und Tänzerinnen, Sänger und Sängerinnen durch ihre Masken und Kostüme sich in ihren Charakter in einem Theaterstück, Ballett oder einer Oper hineinversetzen zu können. Manchmal schminkte er auch den Menschen ihr eigenes Gesicht als eine Maske auf, z.B. wenn er Talkshow Gäste schminkte.
Heute würde Ari der sein, dem die Aufmerksamkeit der Menschen gebührt. Heute würde er niemanden für seinen Moment vorbereiten, sondern einen Moment für sich selbst.

Ari durchwühlte seine Habseligkeiten, die noch teilweise in Umzugskartons, Reisetaschen, Truhen, Kästchen und Vasen verstaut waren. Beinahe hätte er sich an seiner Stehlampe gestoßen, als er enthusiastisch nach dem alten Schmuckkasten in der Ecke griff. Die funkelnden Diamanten, die er in einem Räumungsverkauf eines Second-Hand Lagers erworben hatte, durften bei seinem pompösen Auftritt an diesem Abend nicht fehlen. Diese Statement- Kette würde ein Statement setzen, oder wozu sollte sie sonst da sein? Die Clip- Ohrringe, sie selbst schon seine Oma getragen hatte, die inmitten eines goldenen Ovals einen Diamanten zur Geltung brachten, durften natürlich auch nicht fehlen. Doch das, was er eigentlich suchte, schien fürs erste in den Tiefen seiner Kleiderstapel und Kistenansammlung verborgen zu bleiben.
„Eines Tages wird deine Schwester wundervoll in diesem Kleid aussehen. Damals als ich dieses Kleid kaufte, wusste ich, dass ich es für einen ganz besonderen Anlass tragen werde, denn das Kleid repräsentiert mich und meinen Körper so wie ich mich liebe. Sie wird dieses Gefühl in Ehren halten. Diese Selbstliebe ist mein Schlüssel zur Unabhängigkeit geworden, denn vorher war ich nur eine verformte Stimme derer, die mich dazu zwangen, etwas zu sein, was ich nicht war. Simay und du, Ari, sollt euch niemals davon beeinflussen lassen, hörst du?“, sagte seine Mutter zu ihm als sie gemeinsam ihre Kleidung an die Kleiderstangen hingen, die provisorisch in ihrer viel zu kleinen Wohnung aufgestellt waren. Aris Mutter war eine leidenschaftlich glückliche Frau, die schwer aus der Bahn zu werfen war, aber die Trennung von seinem Vater, setzte ihr so sehr zu, dass sie an schlechten Tagen auch vor den Kindern weinte, was sie sonst strengsten vermied. „Mama? Warum kann ich das nicht tragen?“, fragte Ari seine Mutter daraufhin. Verblüfft schaute seine Mutter ihn an und war für ein paar Sekunden ratlos, was sie darauf antworten sollte. „Warum solltest du das tragen wollen Ari?“, wich sie seiner Frage mit einer Gegenfrage aus. „Warum ist das Kleid nur für Simay? Das ist doch unfair, wenn sie sich selber lieben und bewundern darf in diesem Kleid und ich nicht.“ „Da hast du Recht mein Schatz. Aber du bist ein Mann..Männer tragen keine Kleider und wenn sie das tun, werden sie ausgelacht oder gemieden. Männer dürfen sich in Kleidern nicht lieben.“, antwortete seine Mutter und wurde danach ganz still. Dieses Gespräch wanderte durch Aris Kopf, während er nach dem Kleid suchte. Sein 13- jähriges Ich verstand damals noch nicht, warum er kein Kleid tragen konnte, ohne gesellschaftlich dafür verurteilt zu werden. „Ehrlich gesagt verstehe ich es heute immer noch nicht. Ich werde dafür anerkannt, was ich mit Pinseln auf Gesichter malen kann. Wenn ich meine Welt dann mit den gleichen Farben um mich herum anmalen möchte, dann können es die Leute nicht mehr einordnen. Der macht etwas, was niemand erwartet? Das muss abnorm und damit für mich einschränkend sein, weil ich vielleicht erkenne, dass meine Norm nicht bunt genug ist, um damit glücklich zu sein „, kam es Ari in den Sinn, während er die nächste Kiste durchwühlte. Er wollte schon beinahe das Suchen aufgeben und hatte sich schon überlegt sein Erspartes für ein selbstausgewähltes Kleid auszugeben, da bemerkte Ari die längliche Kiste hinter dem blauen Stuhl. Hektisch riss er das Paketband mit seinen Händen auf, was erst nach einigen Versuchen klappt. Als er die beiden Seiten des Kartons aufklappte lag das Kleid sorgfältig zusammengelegt auf der Pappe. Wie auf einer Bahre wurde es mit Verzweiflung und Abschiedsschmerz in diesen Karton gelegt, um nie wieder angerührt zu werden. Tief vergraben, in den Tiefen einer Kartonschlucht, obwohl es vielleicht die Strickleiter ins Licht sein könnte. Behutsam hob Ari das Kleid aus dem Karton, betrachtete es ehrfürchtig in Andenken an seine Mutter und zog sich um. Der blaue Stoff schmiegte sich an seinen muskulösen, aber zierlichen Körper. Zwar konnte er nicht mit der Hüfte seiner Mutter dienen, aber der elegante Tüll- Rock konnte das gut vertuschen. In dem Rock waren kleine Glitzersternchen verarbeitet, die keinen grellen, sondern einen dezenten Schimmer bewirkten. Das Kleid war hochgeschlossen, sodass die diamantene Statement- Kette auf dem Blau wirken konnte. Die schwarzen Pumps verschwanden unter dem Kleid.
Die Musik des Plattenspielers spielte noch im Hintergrund, doch Ari hatte sie in seiner intensiven Suche nach dem Kleid ausgeblendet. Erst jetzt, wo er sich im Spiegel betrachtete, Erinnerungen in seinem Kopf abspielte und sich eine Aufregung in ihm entwickelte, bemerkte er die sanften Schallwellen der Musik. Langsam bewegte er seine Hüften zu dem Song und fühlte sich in das Kleid hinein, das für seine Mutter ein Symbol der Stärke gewesen war. Er fühlte sich selbst mehr als je zuvor in diesem Kleid. Er fühlte sich komplett mit seinem künstlerisch verziertem Gesicht, seiner exzentrischen Kleidung und dem auffälligen Schmuck. Das war seine Vorstellung von sich selber. Immer fließender wurden seine Tanzbewegungen und er schloss die Augen dabei, um ganz bei sich zu sein bevor er am Abend in der Menge sein Inneres nach Außen tragen würde.

Der Ballsaal war 30 Minuten mit der U-Bahn von seiner Wohnung entfernt. Ari war stolz darauf durch seinen Job an solch einem pompösen Event teilnehmen zu können. Er fühlte sich wie vor einem großen Bühnenauftritt. Er fühlte sich in seine Kunden hinein, die vor ihren Auftritten teilweise sehr nervös, hibbelig und ungeduldig bis gereizt waren oder die tiefen entspannt ihre gewohnte Routinen durchgingen und in Plauderlaune waren. Jeanette war eine von den Profis. Ari lernte sie bei einer Talkshow kennen, wo sie primär ihren neuen Film „Hungry – Gelüste der Finsternis“ vorstellte. Sie wirkte an dem Tag sehr niedergeschlagen und desinteressiert an dem, was um sie herum passierte. „Bist du zufrieden mit dem Look?“, fragte Ari, der es selber etwas seltsam fand, dass sich im Showgeschäft automatisch geduzt wurde.
„Der Look ist fantastisch Ari. Ari, ist doch richtig oder?“, fragte Jeanette ohne sich im Spiegel anzuschauen. Sie schaute zwar hinein, fokussierte ihr Gesicht jedoch nicht, sondern starrte ins Nichts. „Ja Ari ist richtig. Ich habe das Gefühl dir gefällt der Look nicht“, entgegnete Ari. „Es hat nichts mit dem Look zu tun. Ich bin einfach nicht gut gelaunt und muss gleich aber gut gelaunt sein, worauf ich mich mental versuche einzustimmen“, antwortete Jeanette. Ari und sie verwickelten sich in ein Gespräch, als Ari vorsichtig nachfragte wie es ihr denn privat ginge oder ob es Probleme bei dem Film gab, den er persönlich sehr gut fand, ohne Thriller zu mögen. Jeanette schien überrascht, dass ihr Nachfragen zu ihrer Person gestellt wurden und ließ sich nach einem „Du hast wirklich eine direkte Art“ auf Ari ein. Sie unterhielten sich als wären sie zu zweit im Backstage, obwohl im Hintergrund unzählige Menschen umherwuselten, ihr Manager Thomas immer mal wieder Aris Werk überprüfte und Jeanette mit Planungen und Terminen zu textete. Bevor die Talkshow startete, fragte Jeanette ihn an, ob er nicht ihr Make-Up Artist für ihr nächstes Charity Event werden könnte. Ari war sofort einverstanden und war die nächste Woche bei Jeanette Zuhause in ihrer Stadtvilla, um sie zu schminken. Dort waren sie beim Reden ungestörter und Jeanette erzählte ihm, dass ihr Verlobter sich von ihr getrennt hatte. Er käme mit der medialen Aufmerksamkeit nicht zurecht, die er unterschätzt hatte vor ihrem Durchbruch, der ihr vor einem Jahr gelungen war. Ihr Gatte wäre müde und könne ihr kein Standbein in der Zukunft sein, auch wenn er sie liebe. „Dieser Lappen, ehrlich. „Ich stehe zu dir, egal was komme“ und dann lässt er mich hängen, bevor überhaupt mit mir etwas passiert. Mich hat er nie gefragt wie ich mit der plötzlichen Bekanntheit zurecht komme. Schon als Kind wollte ich Star werden und habe die Aufmerksamkeit geliebt, aber das heißt noch lange nicht, dass es mich an manchen Tagen nicht schlaflos im Bett liegen lässt.“, vertraute Jeanette sich Ari an. „Wir hatten uns unsere Hochzeit in einem Ballsaal ausgemalt mit dem Thema Barock. Oder doch lieber ein Maskenball? Wir waren noch in der Findungsphase bis wir dann nichts mehr zusammen gefunden haben. Ich wollte aus meiner Hochzeit ein Erlebnis machen – eine richtige Show, die niemand vergessen wird. Jetzt, wo ich keinen Mann mehr habe, muss die Hochzeit aber leider ausfallen. Schade um die coole Idee.“ „Und was wäre, wenn du trotzdem einen Ball veranstaltest? Wenn du selber ein Charity Event auf die Beine stellst oder ein anderes Event?“, schlug Ari vor. „Was für eine fantastische Idee!“, rief Jeanette begeistert aus, “ ich habe bald meinen 30. Geburtstag, das wäre doch ein passender Anlass! Ich brauche keine Hochzeit, um zu feiern! Mein Geburtstag ist Grund genug. Das ist wirklich die beste Idee, die ich seit langem gehört habe. Du bist ein echt kreativer Kopf.“ Zwei Monate später landete dann Jeanettes Einladung in Aris Briefkasten, der erstaunt war, dass sie seine Adresse kannte. Sie hatte ihn doch tatsächlich eingeladen! Er war überglücklich und fühlte sich selbst wie ein Star, der auf ein riesiges „Happening“ gehen konnte.

Er stand vor einem riesigen Tor, dessen Flügeltüren einladend offen standen. Der Gang führte ihn in eine Eingangshalle. Die korinthischen Barock typischen Säulen ließen den Eingang edel und wichtig wirken. Überall wurden riesige Blumensträuße drapiert, die die weiß- goldene Farbgebung mit kräftigen Farben wie rot, blau, gelb, lila und einem zarten Rosa ergänzten. Der riesigen, goldenen Kronleuchtern konnte allerdings nicht mal von den Kunstfiguren die Show gestohlen werden. Am Ende der Eingangshalle standen wichtige Männer im Anzug, vor denen ein kleiner Tisch stand, worauf eine Liste lag. „Ari Elvan“, sagte Ari in die Richtung der Männer, die ohne etwas zu sagen die Liste durchkämmten und schließlich seinen Namen fanden. Er durfte nach skeptischen Blicken auf seinen Bart und dann auf das Kleid passieren. Ari ignorierte die abwertenden Blicke der Männer. Er versuchte sich auf den Moment zu konzentrieren. Hatte Jeanette ihn wirklich zu einem Event eingeladen oder spielte er gerade in einem Film mit? Es fühlte sich für Ari surreal an aus seiner Karton gefluteten 2-Zimmer Wohnung in diese geradezu königlichen Verhältnisse eintauchen zu können. Die meisten von Jeanettes Gästen waren wahrscheinlich selber gut betucht, erfolgreich in der Kunst des Schauspiels, vielleicht haben sie auch reich geerbt oder haben ein Unternehmen übernommen. Ari war ein guter Maskenbildner und Make-Up Artist, aber es war kein Geheimnis, dass man damit nicht reich wird.
Fürs erste musste Ari sich in der Menschenmenge erstmal zurecht finden. Er wollte Jeanette finden, ihr zum Geburtstag gratulieren und ihr sein kleines Geschenk überreichen.

Auf der Tanzfläche war es um die Uhrzeit noch spärlich besiedelt, während es an den Tischen, an der riesigen Bar und in den Ecken des Saales nur so tummelte. Es gab auch einen Ausgang zu einem riesigen Hintergarten, der zu dem alten Ballhof gehörte. Ari hatte eine gute Intuition, denn eine große Menschentraube stand draußen, aus der Jeanette mit ihren fast 1,90m herausragte. „Jeanette!“, rief Ari und kämpfte sich erfreut durch die Menschen hindurch. Als sie Ari sah, lächelte Jeanette und in ihren Augen war die Freude klar zu erkennen. „Ari mein Lieber. Schön, dass du gekommen bist“, begrüßte sie ihn und drückte ihn. „Fantastisches Outfit, aber ich habe ehrlich gesagt nichts anderes erwartet und das Kleid! Du musst aber gleich deine Maske noch aufsetzen. Das macht alles mysteriös und spannend. Denn erst, wenn du es willst, zeigst du dem anderen dein „wahres Gesicht“.“
Jeanette fing an zu kichern und fügte noch hinzu: „Ich habe teilweise Leute hier eingeladen, die ich gar nicht kenne. Es kann quasi ein „Blind Date “ entstehen, wenn der Zufall so will. Let’s have some fun tonight.“ Sie zwinkerte Ari zu und schubste ihn in Richtung Bar. Sie löste sich aus ihrer Menschentraube und folgte Ari, der von ihr zu den Cocktails gelozt wurde. „Ich kannte bisher keinen Mann, der sich trauen würde, in so einer Abendgarderobe aufzutauchen. Ich bin wirklich begeistert und tatsächlich neidisch auf deine wunderschöne Kette. Wo hast du die her?“, verwickelte Jeanette ihn in ein Gespräch. Sie redeten über ihre Lieblingsschmuckstücke, über Designer/innen und über ihre aktuellen Serien, die sie schauten. Wie bei ihrer ersten Begegnung vor der Talkshow war Jeanette sehr gefragt und immer wieder kamen Leute zu dem Gespräch dazu, gratulierten ihr oder wollten nur kurz mit ihr anstoßen.


Als sie nach längeren Unterbrechungen Zeit hatten zu reden, kam Jeanette wieder auf das Kleid zurück, fasste den Tüll bewundernd an. Ari erzählte ihr, woher er das Kleid hatte. Er erzählte ihr sogar, dass seine Mutter ihm das Kleid auf ihrem Sterbebett gegeben hat. Seine Schwester konnte das damals nicht nachvollziehen, warum sie das Kleid nicht bekommen hat, was einen ziemlichen Keil zwischen Simay und Ari getrieben hat. Beide waren sehr nah an dem Herzen ihrer Mutter.
Sie fingen an über Männer- und Frauenbilder.
„Weißt du, ich bin es echt leid in der Öffentlichkeit darauf achten zu müssen, nicht das exzentrische Ich zu sein. Auf der Arbeit würde das wahrscheinlich eher toleriert werden, da es dann „Teil meines Jobs“ wäre und sicherlich als „Kunstfigur“ wahrgenommen werden würde, dabei bin das ich. Und automatisch wird dann von mir gedacht, dass ich eine Frau sein möchte, aber das stimmt nicht. Ich habe meine Identität als Mann angenommen, aber ich mag es eben „weibliche Kleidung“ zu tragen. Wer hat das überhaupt festgelegt, dass Männer keine Kleider oder Röcke tragen dürfen und auch Schmuck nicht. Diese Schätze muss ich mir verwehren, weil es festgelegt ist, was es bedeutet Mann oder Frau zu sein?“, sagte Ari und runzelte die Stirn, “ Ich bin etwas dazwischen.“
„Diese Art der Ausklammerung ist in jeder Lage schmerzhaft. Warum schreibt die Gesellschaft einem vor wie die Norm auszusehen hat? Wahrscheinlich trifft die festgelegte Norm nicht mal auf die Leute zu, die sie etabliert haben. Es stellt für die Gesellschaft eine Gefahr dar bunte Paradiesvögel wie dich zu sehen, weil sie daran erinnert werden wie grau ihre Welt im Vergleich zu deinen bunten Farben ist. Deswegen muss deine Farbe weg, damit du grau in grau lebst. Die Männer- und Frauenbilder erhalten alte Muster aufrecht, um Sicherheit zu gelangen, über das, was richtig und falsch im Leben ist“, sagte Jeanette und nippte an ihrem Cocktail. „Und dann fragen Sie sich, warum die meisten Menschen heutzutage unglücklich sind und alles hinterfragen, was sie anfangen. Liegt, es vielleicht daran, dass niemand sich mehr traut sein wahres Ich nach Außen zu tragen?“, fügte Ari hinzu und musste danach zynisch lachen. Jeanette stimmte ihm mit einem „JAAA! Da hast du Recht. Warum glücklich sein, wenn das grau viel einfacher zu handhaben ist?“ zu und prustete danach los. Der Alkohol hatte sowohl bei Ari als auch bei Jeanette seine Wirkung entfaltet, sodass die beiden lauter sprachen und bei manchen Sätzen zu nuscheln begannen, während sie sich in der Debatte verstrickten. „Du Ari..? Ich glaube ich muss langsam mal das schhtille Örtschen aufsuchen. Ens..enschuldige mich bitte“, sagte Jeanette ein wenig zu laut. Ari nickte und bestellte sich ein Glas Wasser, damit das lustige Kribbeln in seiner Hand, was er von Alkohol bekam, sich nicht ausbreiten konnte und ihn zu betrunken machen würde. Er rückte seine Maske zurecht, sodass sein gewollter Drei-Tage Bart vollends verdeckt war. Jeanette war schon eine ganze Weile weg und erst jetzt fragte sich Ari, ob sie ihn überhaupt wiederfinden würde. Gleichzeitig mit dem Gedanken, setzte sich ein drahtiger Mann auf den Stuhl neben ihn. „Der ist leider schon besetzt“, sagte Ari höflich und lächelte den Mann unter seiner Maske entschuldigend an. „Wenn der Stuhl schon besetzt wäre, würde dann hier nicht jemand sitzen?“, provozierte der Mann Ari direkt mit seiner ersten Frage. „Jeanette ist gerade auf Toilette, kommt aber gleich wieder“, entgegnete Ari ruhig. „Die Gastgeberin höchstpersönlich? Aber mit Verlaub – ich glaube sie wird nicht wiederkommen. Und wenn sie es doch tut, dann räume ich sofort den Platz. Genau so wie es sich für einen Gentleman gehört, versprochen. Aber wie unhöflich von mir, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Mein Name ist Henry Duronde. Wie heißen Sie junge Dame?“, fragte Henry, der schon leicht angetrunken wirkte. Ari fragte sich ob der eher unscheinbare, aber attraktive Mann auch ohne den Alkohol so mutig gewesen wäre und ihn provoziert hätte. „Ich bin zwar keine junge Dame, aber mein Name ist Ari Elvan“, sagte er bestimmt. „Frauen werden wohl niemals aufhören das Alter als Verlust, anstatt als Bereicherung und Reifung anzusehen“, entgegnete Henry und Ari wollte ihn mit „Aber ich bin keine Frau“ verbessern, aber Henry bestellte sich in dem Moment seinen nächsten Drink. „Möchtest du auch noch was trinken, Ari?“, fragte Henry und schaute ihm dabei tief in die Augen. Er hielt sich selbst für einen Charmeur und strahlte eine gewisse Arroganz aus, die Ari jedoch nicht abstoßend, sondern interessant fand. Hinter der Arroganz versteckte Henry eine Verletzlichkeit, die Ari meinte zu spüren. Sein Interesse war geweckt, aber wie sollte er Henry klar machen, dass er ein Mann ist. Ari entschied sich das Gespräch vorerst weiterzuführen und bei einem passenden Moment ihn darauf hinzuweisen, dass er als Mann ein Kleid trägt. Erkannte Henry denn seine etwas tiefere Stimme gar nicht oder ignorierte er es, weil das Bild einer Frau hinter der Maske sich in seinem Kopf so verfestigt hatte? In dem Sinne „Man hört nur das, was man hören will“? Sah Henry das, was er sehen wollte?

Nachdem Henry und Ari sicherlich schon eine ganze Weile miteinander sprachen, fiel Ari erst auf, dass er Jeanette schon eine Ewigkeit nicht mehr gesehen hatte. Henry hatte Recht – sie würde wahrscheinlich nicht wiederkommen. Mit der Zeit war sowohl Henry als auch Ari angetrunken und die beiden kicherten wie kleine Schuljungs über Geschichten des Gegenüber. „Was machst du für verrückte Dinge, Ari?“, fragte ihn Henry aus dem Nichts. „Ich mache gar nicht so verrückte Dinge“, gab Ari zu.
„Es ist verrückt, dass ich hier bin und ich fühle mich gerade wie in einem Agentenfilm. Die sind meistens auch auf Maskenbälle, um ihre Identitäten zu überspielen. Sie spielen unbemerkt miteinander „, spann Ari sich eine Geschichte zusammen. „Weißt du was ich als Agent jetzt machen würde?“, fragte Henry. Ari schüttele den Kopf. “ Er würde seine bezaubernde Begleiterin zum Tanz auffordern“, sagte Henry, stand auf und hielt Ari seine Hand hin. Ari hatte zwischenzeitig vergessen, dass Henry ihn für eine Frau hielt. Henry gefiel ihm auf eine Art und Weise und Ari würde gerne mit ihm tanzen. „Ich bin keine..“, setzte Ari an, doch Henry unterbrach ihn direkt. „Gute Tänzerin? Das ist mir egal. Ja oder nein?“, fragte er ihn. Ari gab es auf und dachte: „Ist es eine egoistische Entscheidung es zu verheimlichen und Spaß zu haben? Und würde es ihn verschrecken, wenn er merkt, dass ich ein Mann bin? Andererseits wollte ich es ihm sagen, nur er hat mir nicht zugehört!“ Ari legte seine Hand in Henrys und sie beschritten die Tanzfläche. Der Abend war weit fortgeschritten und auf der Tanzfläche waren die meisten Gäste anzutreffen. Es wurde ausgelassen getanzt. Einige Paare tanzten harmonisch Paartänze, während andere im „Freestyle“ zur Musik leidenschaftlich ihre Hüften schwangen. Henry führte Ari wie einen König auf die Tanzfläche, verbeugte sich und fasste Ari um die Hüften, um ihn über das Parkett zu wirbeln. Für einen kurzen Moment fühlte sich Ari, als wäre er mit Henry alleine in seiner kleinen Wohnung und würde seinem Plattenspieler lauschen. Um ihn herum tobte das Leben, aber er konnte sich ganz auf die weichen Bewegungen seiner Beine und auf die Musik einlassen. Henrys warme Hände führten ihn durch die anderen Tanzpaare ohne ein Stocken hindurch. Ari malte sich aus wie Henry unter der Maske wohl aussehen würde. Was wäre, wenn er keine Zähne hätte? Oder was ist, wenn er kalte Gesichtszüge hätte? Ari versuchte das Bild in seinem Kopf zu verwerfen. „Blind Date extrem“ hatte Jeanette die Erfahrung genannt. Würde es Henry erfreuen, wenn er wüsste, dass er nicht die schönste Frau des Abends zum Tanzen aufgefordert hatte, sondern den schönsten Mann?

Verschwitzt, aber glücklich gingen Henry und Ari nach ihrer Tanzeinlage in den Garten. Ari hatte noch nie mit einer fremden Person an einem Abend so viel Zeit verbracht. Draußen auf der Terrasse, die einen wunderschönen Blick auf den beleuchteten Garten und auf den Sternenhimmel bot, waren nur ein paar Personengruppen. Die eine Frau hatte sogar eine Barock Perücke aufgesetzt. Ihr Make- Up war eine Wucht. Begeistert sprach Ari die Frau an, was sie für ein schönes Make- Up habe und welche Palette sie dafür benutzt hätte. Er kam mit ihr ins Gespräch und Henry unterhielt sich mit ihrem Begleiter. Die Zeit verging und es musste schon spät in der Nacht sein.
„Soll ich uns einen Champagner holen?“, flüsterte Henry Ari ins Ohr, während er der Barock- Perücken- Frau gerade über seine Wohnung sprach. Warum nicht? Ari ließ Henry den Champagner holen. Als dieser mit dem kalten Getränk wiederkam, stellte er sich direkt vor die Frau und fragte als wäre er tatsächlich James Bond: “ Hättest du was dagegen, wenn ich dir Ari einmal kurz entführe?“

Sie gingen nur ein paar Meter weiter. Die klaren Worte der anderen Gäste verwandelten sich in ein undefinierbares Gemurmel, sodass die beiden ungestört reden konnten. „Ich fand den Abend wirklich wunderschön“, begann Henry, der ein wenig nervös zu sein schien. „Auf uns“, sagte er und hob sein Glas mit Champagner zum Anstoßen. Das Glas klirrte und die beiden nahmen einen Schluck. Ari war das ganze etwas unangenehm und er wusste nicht, was er sagen sollte. Henry ging ganz schön vorwärts mit seinen Flirtversuchen, was hatte vor? „Ich würde gerne dein Gesicht sehen“, äußerte Henry seinen Wunsch. „Es ist doch mit Absicht ein Maskenball“, entgegnete Ari, der immer noch nicht bereit war seinen schönen Abend gegen einen potentiell unschönen Abend einzutauschen. „Hast du etwas Angst, du würdest mir nicht gefallen? Oder hast du keine Zähne?“, witzelte Henry und kam Ari einen Schritt näher. Zögernd ließ Ari ihn gewähren. Würde der Alkohol seine Reaktion lindern oder verstärken? War Henry vielleicht doch homosexuell und wollte ihn nur zittern lassen? Henry versuchte Ari weiter zu überzeugen seine Maske abzunehmen. „Wieso nimmst du deine Maske nicht zuerst ab? „Wieso willst du eigentlich, dass ich als erster die Maske abnehme?“, fragte Ari, woraufhin Henry seine Maske ohne zu Zögern abnahm. Er hatte hellbraune Augen, die ihm mehr Tiefe verliehen als Ari es erwartet hätte. Seine blonden Haare, die auf dem Kopf sehr dicht wuchsen, hinterließen in seinem Gesicht nur einen Schnauzer. „Der ist überhaupt kein Schnauzer-Typ“, dachte Ari und lachte innerlich, „ aber schöne Wangenknochen hat er – Contouring hat er nicht nötig.“ Henry grinste und forderte Ari mit einem energischen „Jetzt du!“ auf. Als Ari erneut zögerte, ging alles ganz schnell. Henry fasste ihn an die Hüfte, schob seine Maske leicht nach oben und küsste Ari. So leidenschaftlich der Kuss begann, so schnell hörte er auf. Henry wich zurück und seine Pupillen weiteten sich vor Schreck. Sein Schnauzer hatte Aris Bartstoppeln berührt. „Ich bin keine Schwuchtel!“, sagte Henry laut zu sich. „Wieso hast du nichts gesagt! Ari – ein Mann in einem Tütü? Du bist eine Schwuchtel und hast versucht mich um den Finger zu wickeln. Absichtlich hast du mich getäuscht, um deine perversen Gedanken an mir ausleben zu können. DU MIESE RATTE! WIDERLING!“ Den letzten Part schrie Henry, sodass das Wort „Widerling“ im ganzen Hof nachhallte. Die Gesellschaft auf der Terrasse wurde ganz still. Das Gemurmel verstummte schlagartig.

Ari fühlte sich als würde er in seinem blauen Tüll versinken. Die Worte steckten wie ein Messer in seiner Brust und er konnte für eine kurze Sekunde nicht atmen. Als hätte er es geahnt. „Du bist der Widerling, in dem du mich mit diesen Worten verletzt! Du hast mir nicht zugehört. Hast du meine tiefere Stimme nicht wahrgenommen? Doch hast du und trotzdem hast du mich geküsst. Du hast Angst deine Männlichkeit zu verlieren, tust es aber nicht dadurch einen Mann geküsst zu haben, sondern dadurch, dass du lieber alles belässt wie es war als nachzudenken! Du Feigling!“, dachte er. Die Wut ergriff ihn. Seine Faust spannte sich an. „Du tust mir leid in deiner Einfältigkeit“, sagte Ari in einem ruhigen, bebenden Ton und verließ die Terrasse.

Henry war einer dieser Männer, die an einer Männlichkeitsstruktur festhalten, dessen Ideale keine sich liebende Männer einschloss. Es war nicht das erste Mal, dass Ari angefeindet wurde. Es wird nicht das letzte Mal sein. Der Abend war so naiv schön.
„Was hast du dir dabei gedacht?“, dachte Ari wütend, während er zur U-Bahn rannte. Keiner der umstehenden Gäste hatte etwas gegen Henry gesagt. Sie alle mussten ihm zustimmen, wenn sie nichts gegen ihn sagte. Und wo war Jeanette gewesen? Er schrieb ihr eine Textnachricht: „Deine Party wurde zu einem beschissenen Date.“
Sie war wahrscheinlich zu betrunken, um sie noch zu lesen. Vielleicht hatte sie ihr Handy sogar auf dem Klo vergessen. Er fühlte sich alleine gelassen. Das änderte sich auch nicht in seiner Wohnung. Er ließ das Kleid direkt hinter der Türschwelle von seinem Körper gleiten. Seine erste Handlung war es seinen Plattenspieler anzustellen. Er versuchte sich zu beruhigen, doch die wuterfüllten Tränen liefen ihm die Wange hinunter. Er ging von Zimmer zu Zimmer. Sollte er sich bei einem Spaziergang abregen? Dieser Typ war seine Wut nicht wert. Seine Hände griffen nach seinen Vase, in letzter Sekunde tauschte er diese gegen seine Kissen ein und warf sie auf den Boden, schrie in sie hinein, tanzte mit ihnen und boxte sie. Er dachte ans Rauchen. Auch wenn er seine Notfall-Zigaretten nie anrührte, war heute Nacht die Nacht dafür. Er legte die Kissen beiseite, kramte nach den Zigaretten, legte sich auf den Flurboden und zündete den Tabak an. Er atmete den Rauch ein und beim Ausatmen klingelte es in seiner Wohnung. Während er an die Freisprechanlage ging, überlegte er, ob er nicht einfach umziehen sollte an einen Ort, der ihn gewähren ließ. Doch wo gab es den schon? Musste er sich diesen Ort einfach selber erschaffen? „Ari ich bin’s- Jeanette“

Sie hat einige Minuten später mitbekommen, was passiert war. Sie war am Tanzen, als Henry sich als „Arschloch“ outete. Als sie auf der Terrasse angekommen war, hatte Ari sich schon auf den Weg zur U-Bahn gemacht. Sie erhielt seine Nachricht und wollte ihm direkt folgen. Doch bevor sie ins nächste Taxi stieg, ging sie wutentbrannt auf Henry zu und sprach eindringlich: „Ich will dich hier nie wieder sehen, du traurige Gestalt. Wenn du dich in aller Öffentlichkeit bei meinem geschätzten Freund entschuldigst und darüber nachdenkst, was dein Fehler war und wie diskriminierend das von dir war, dann können wir nochmal drüber reden. Das kann doch nicht wahr sein, dass du so deine Mitmenschen behandelst. Von dir würde ich mich in keinem Gerichtsprozess vertreten lassen wollen, wenn ich weiß, dass du in deinem Leben Menschen verurteilst, die eine Bereicherung für deines wären. Fuck this Party, wenn es hier homophobe Menschen gibt!“
Sie erzählte Ari davon und davon, dass sie alle, die Henry zustimmen würden, aufforderte zu gehen und sich ohne Einsicht nie wieder umdrehen sollten.
„Fuck this party without you! Er weiß gar nicht, was er durch seinen Hass verpasst. Ich bin bei dir!“
Er legte sich wieder auf den Flurboden und rauchte seine Zigarette weiter. Sie legte sich neben Ari auf den Boden, klaute sich eine Zigarette aus seiner Schachtel. Ihr Kopf ruhte auf seinem Oberarm.



#Writingfriday Meinerts Flugversuch

Samstag
Der Himmel ist blau und frei von Kondenstreifen der Flugzeuge, Wolken oder Vogelschwärmen. Gibt es wirklich Menschen, die der Chemtrails Verschwörungstheorie glauben, dass die Kondensstreifen am Himmel in der Realität Chemikalien sind, die uns Manipulieren, damit fremde Mächte die Weltherrschaft an sich ziehen? Ich schmunzle bei dem Gedanken, denn warum sollte jemand der die Weltherrschaft an sich reißen möchte seine Opfer in einen panischen Zustand versetzten, anstatt sie in Sicherheit und Entspannung zu wiegen? Ich verwerfe den Gedanken wieder und schaue wieder aus dem Fenster.
Die Sonne kann ungehindert auf die Erde strahlen, die Pflanzen mit Energie versorgen und die Menschen und Tiere zum Schwitzen bringen. Dieser so weit entfernte Feuerball hat unser Leben unter Kontrolle. Schon bei dem Gedanken an UV-Strahlen, greife ich zur Sonnencreme mit dem höchsten Lichtschutzfaktor. Nachdem ich meinen Körper auf die Srahlenbelastung vorbereitet habe, kann ich das Haus verlassen. Auf dem Weg in den Garten laufe ich an dem Haken mit meiner Cappie vorbei, nach der ich nicht griff, denn wie Fahrradhelme schützen sie einen zwar, sehen aber dementsprechend komisch auf meinem unförmigen Kopf aus. Ich gehe raus in den Garten und atme die frische Luft ein. Ruhe ist mir dabei nicht gegönnt, denn die Nachbarn mähen seit 10Uhr morgens ihren Rasen,trimmen die Hecken oder flambieren ihre Pflastersteine, um das lästige Unkraut zu verbrennen. Das Zwitschern der Vögel und das Rauschen des Windes durch die Blätter ist nur noch eingeschränkt zu hören.
Ohne eine Glasscheibe zwischen meinem Blick und der Außenwelt, schaue ich mir erneut den Himmel an. „Nach dort oben soll ich fliegen?“, denke ich und versuche die Zweifel es zu schaffen aus dem Weg zu räumen.

Freitag: Wie alles anfing..
Gestern saß ich entspannt im Garten, trank meinen selbst gemachten Himbeersmoothie und versuchte meine Augen zu entspannen, da ploppte eine Nachricht auf meinem Handy auf. Meine Freunde würden sich um 23Uhr vor dem Freibad treffen. „Seid ihr bescheuert? Ich breche doch nicht in ein Freibad ein“, wollte ich erst in die Gruppe schreiben, zögerte dann aber. Mir war nicht Wohl bei dem Gedanken etwas illegales zu machen. „Es geht ja nicht darum, dass wir den Schwimmbad Besitzer um sein Geld bringen wollen, sondern lediglich um den Kick. Selbst wenn wir erwischt werden, wird das als ein Streich abgetan und wir bekommen eine Verwarnung. Ins Gefängnis wandert keiner deswegen“, erinnerte ich mich an die beruhigenden Worte meiner Freundin. Überzeugt hatte sie mich jedoch nicht. Noch nie zuvor bin ich irgendwo eingebrochen, denn mir fehlt auch der Spaß an der kriminellen Energie, oder? Wieso sollte ich irgendwo einbrechen? Um bei einem Trinkspiel, bei dem eventuell die Frage „Bist du schon Mal irgendwo eingebrochen?“ aufkommt, von dieser einen Geschichte berichten zu können? Das ist es mir keinesfalls wert. Meine Finger tippten die Absage in das Handy ein, ich brauchte nur noch auf das Absende Zeichen zu drücken. Das unwohle Gefühl war noch da, aber gegensätzlich zu dem kam Neugierde in mir auf. Jeden Tag befolgte ich unzählige Regeln, ohne es überhaupt zu bemerken. Achte darauf, dass du den Müll immer trennst, zur Schule, Arbeit etc. erscheinst du immer pünktlich, wobei pünktlich meistens ja fünf Minuten vorher sind, damit du dich vorbereiten kannst, Arbeitskleidung anziehen kannst usw. Im Zug darfst du nur auf den vorgegebenen Sitzen sitzen, da die erste Klasse eben teurer ist und der hintere Bereiches des Zuges ist für Fahrräder und Kinderwägen. Beim Decken des Tisches liegt die Gabel innen und das Messer außen. Auf dem Fußweg gehst du auf der rechten Seite, damit dich andere überholen können, selbst zu Fuß bleibst du auch um 3Uhr morgens, wenn niemand anderes am Straßenverkehr teilnimmt, an der roten Ampel stehen. Natürlich ist es sinnvoll Regeln zu haben, denn diese verleihen einem Sicherheit und Kontrolle und regeln das gesellschaftliche Leben. Doch auch, wenn diese Regeln oftmals Sinn für mich ergeben, regen sie mich an manchen Tagen auf. Ich bin frei und trotzdem ist meine Freiheit geregelt, was soll das denn? Ich merkte wie ich insgeheim mit ins Freibad gehen wollte. 16:42Uhr zeigte mir die Uhr auf meinem Handy an. Einige Stunden hatte ich noch Zeit bis zum Einbruch. Ich entschloss mich dazu spontan zu sein. Ich würde nichts in die Gruppe schreiben und entweder um 23Uhr am vereinbarten Treffpunkt sein oder mich schlafen legen.

Das Freibad war etwas außerhalb der Stadt. Es hatte nicht nur ein chlorhaltiges Schwimmbad mit Sprungtürmen draußen, sondern auch ein Naturbad. Wären wir lebensmüde gewesen, hätten wir auch nachts durch das Naturbad von dem Ufer, das nicht zum Schwimmbad gehört, schwimmen können. Da hätte ich allerdings gekniffen, denn ertrinken wollte ich vorerst nicht! Mit wachsweichen Knien trat ich in die Pedale um zum vereinbarten Treffpunkt zu fahren. Die anderen warteten schon auf mich. „Wir haben darum gewettet, dass du nicht kommst Meinert“, begrüßte mich Tilo, der schon mehrere Male umsonst schwimmen gegangen ist. Ich war eine der glücklichen Persönlichkeiten, dessen Vorname aus dem Sprachgebrauch gestrichen wurde. Wann es angefangen hat, weiß ich nicht, aber so lange ich denken kann, werde ich mit meinem Nachnamen gerufen. Eigentlich dachte ich, dass das ein Privileg der Männer ist, die Fußball spielen. Bei meinem Bruder in der Mannschaft gab es zwei Tobias. Da ein Tobias automatisch Tobi genannt wird, mussten sie sich für den zweiten Tobi eben eine Alternative einfallen lassen. Den einen Tobias und den anderen Tobi zu nennen ist zu kompliziert, also hieß der andere seit dem Tag an nur noch Kreßmann. Ich spielte zwar nicht Fußball und war auch nicht verwechslungsgefährdet mit einem Namensvetter, aber ich heiße seit der 5. Klasse bei meinen Freunden nur noch Meinert. Während ich noch daran dachte, das selbst meine Eltern meinen Namen ebenfalls selten sagen, sah ich wie Tilo Annika den fünf Euro Schein überreichte, der wohl sein Wetteinsatz gewesen war. „Du schuldest mir fünf Euro“, sagte Tilo und setzte danach sein Standard Grinsen auf, bei dem man sich nicht sicher sein konnte ob er einen Spaß machte oder nicht. Eine kurze Weile schwiegen wir uns an, bis die anderen beiden eintrudelten. Wir waren zu fünft.

Johann, der regelmäßig ins Fitnessstudio geht, machte für uns die Räuberleiter. Allerdings sah ich ihm an, dass es selbst für ihn nicht so locker flockig war unser Körpergewicht zu halten wie er es anfangs behauptete. Zugegebenermaßen könnte das auch daran liegen, dass wir auch keine hilfreiche Körperspannung an den Tag (oder eher an die Nacht) legten. Außerdem hatte ich eine leichte Höhenangst, die mir in solchen Momenten nicht zugute kam. Es war mein erstes Mal über einen Zaun zu klettern, der deutlich größer war als ich. Nach ein paar Anläufen stand ich endlich auf der anderen Seite des Zaunes. Nach gefühlten Ewigkeiten hatten es die anderen dann auch geschafft, denn ich wurde ungeduldig. Wie viel Zeit blieb uns, bis es jemand bemerken würde? Vielleicht war es nicht schlau einen Schwimmbadeinbruch an einem Wochenende zu planen, wo es durchaus öfter als in der Woche vorkam, das Menschen um diese Uhrzeit noch unterwegs sind. Die Gruppe steuerte direkt auf die Sprungtürme zu. Meinetwegen hätten wir auch wieder umkehren können, das Grundstück illegaler weise zu betreten, hatte mir schon für den Kick gereicht. „Jetzt sind wir schon Mal hier, da können wir auch schwimmen gehen. Der ganze Aufwand würde sich sonst gar nicht lohnen“, sagte Annika, die mein Unwohlsein bemerkt hatte und mich versöhnlich an die Hand nahm, um mich in die Richtung der Gruppe zu ziehen.

Für alle Fälle hatte ich mir ein Sandwich mitgenommen, was ich mir gönnte, während die anderen einen Salto nach dem anderen von dem Sprungturm machten. Selbst Tilo schaffte es nach dem 2. Rückenklatscher einen vernünftigen Salto hinzulegen. Denn seine große Klappe, konnte seine Unbeweglichkeit nicht kaschieren. Man konnte ihnen ansehen, dass sie das nicht zum ersten Mal machten. „Meinert, jetzt bist du dran!“, rief jemand vom Sprungturm. Es war ziemlich dunkel und zu schwach beleuchtet, dass ich nicht erkennen konnte, wer auf dem Sprungturm stand. Mir war klar, dass dieser Spruch irgendwann kommen würde, aber es war schließlich auch meine eigene Schuld. Ich hätte mich auch einfach schlafen legen können. Wobei ich von mir selbst bis dahin erstaunt war, dass ich ihn Ruhe mein Sandwich essen konnte, ohne rumzunörgeln nach Hause zu wollen. Der Einbruch fühlte sich nicht an wie einer, was mich ernsthaft wunderte. „Was soll’s, sie werden eh nicht locker lassen, das Sandwich kann ich auch später aufessen“, ergab ich mich meinem Schicksal. „Mensch, so kennen wir dich gar nicht – ohne Widersprüche. Gut, dass ich diesmal keine Wette abgeschlossen habe. Du komische Braut..“,sagte Tilo noch und ging dann den anderen hinterher, die sich eine Pause auf den Handtüchern gönnten. Ich kletterte die glitschig, nasse Leiter nach oben. Die fünf Meter waren für mich schon eine enorme Überwindung. Ich kniff die Augen zu, als ich auf dem Sprungbrett angekommen war. „Los, du schaffst das“, schrie Annika vom Handtuch aus in meine Richtung. Schön, dass sie noch den Druck erhöhte. Ich fühlte mich wie in einem schlechten Teenie Film, wo die sonst ausgegrenzte Person bei den Machenschaften der beliebten Leuten mitmachen darf und die Filmemacher zeigen wollten in was ein Dilemma sich die Person durch den Gruppenzwang verirrt und sich am Ende wahre Freunde sucht. Der Unterschied war, dass meine Freunde einfach eine Neigung zu unnötigen Gefahrensituationen haben und ich mich selbst in für mich unangenehme Situationen begebe. Keiner hat mich gezwungen mitzukommen. Ein Meinert sollte auch mal „Nein“ sagen können, aber ich schien es wohl noch nicht kapiert zu haben, wann die Zeit für ein „Nein“ gewesen wäre. Das traurige daran ist, dass mir die Höhe mehr Angst bereitet als ein Einbruch in ein Schwimmbad. Habe ich vielleicht doch eine kriminelle Energie?
„So langsam wird’s echt langweilig, mach mal hin da oben!“, schaltete sich Johann ein.
Ich tastete mich langsam nach vorne, versuchte mir einzureden, dass die anderen den Sprung auch überlebt hatten. Vermissen würden sie mich, wenn ich bei dem Sprung sterben würde und meine Leiche an diesem Bade-Spaß-Ort im Wasser umherschwirren würde. Würde auf meinem Grabstein dann als liebevolles Andenken nur mein Nachname stehen? „Reiß‘ dich zusammen“, murmelte ich laut vor mich hin. Nur noch ein Schritt nach vorne trennte mich von dem Fall in die Tiefe. Den Gedanken die Treppe wieder runterzuklettern war genauso schlimm, denn wenn ich dort fallen würde, würde ich nicht in einem Becken voller Wasser landen, sondern im schlimmsten Fall mit meinem Steißbein auf dem Betonboden landen. „Du musst!“, dachte ich. Kurz überlegte ich noch ob ich die Augen zu oder auf machen sollte. „Du lässt sie auf! Es kommt nicht alle Tage vor, dass du dich deiner Höhenangst stellst, dann schau‘ dir zu mindestens bei dem Erfolg zu.“ Die Entscheidung ist gefallen. Mit aller Kraft stieß ich mich vom Sprungbrett ab und verließ mit meinen Füßen den Erdboden. Doch anstatt innerhalb von Sekunden das Nass an meinen Zehenspitzen zu fühlen, sah ich wie mein Körper in der Luft stand. Ich fiel nicht wie es das physikalische Gesetz der Gravitation vorschreibt, sondern ich schwebte ganz gemächlich in Richtung des Erdbodens. Ist das illegal als nicht diplomierter Physiker gegen die Naturgesetzte zu verstoßen? Wie ist das nur möglich?
Direkt biss ich mir in meine Hand. Nichts veränderte sich, es waren nur noch ein paar Zentimeter bis ich auf der Wiese landete. Ich träumte nicht verdammt. Zur Sicherheit zwickte ich mir in meine Wange, riss die Augen auf und ich sah meinen Körper in der Luft schweben. Ich konnte es nicht fassen, doch ich war mir zu hundert Prozent sicher, dass ich keine Drogen eingenommen hatte. Selbst die Himbeeren im Smoothie gegoren wären und von einem Magic Mushroom Pilz befallen wären, könnten sie nicht derartige Halluzinationen hervorrufen. Verzweifelt versuchte ich zu verstehen, was mit mir passierte und ob ich nun komplett durchdrehte. Wie ein Vogeljunges fuchtelte ich mit meinen Armen in der Luft herum, als könnte ich damit die Richtung, in die ich fliegen wollte, steuern. „Lass mich wieder runter!“, wollte ich rufen, doch wen konnte ich beschuldigen? Wie fremdgesteuert schwebte ich zu meiner Erleichterung weiter in Richtung Erdboden.
Als meine Füße wieder auf dem festen Boden standen, musste ich mich erstmal sammeln. Verwirrt stapfte ich zu meinen Freunden zurück, während ich mir eine Lüge überlegte. Mein erster Gedanke war einfach nichts zu sagen und zickig auf die Frage, ob ich gesprungen sei, zu reagieren. Die Wahrheit würde mir niemand abkaufen.
Ich gestand ihnen die Treppe wieder runtergeklettert zu sein. „Wir haben dich gar nicht die Treppe runtergehen sehen. Bist du nicht sogar gesprungen?“, fragte mich Annika. „Du bist doch gesprungen, nur es war gar kein Wassereinschlag zu hören“, fügte Tilo noch erstaunt hinzu. „Nein, ich wollte springen, hab mich aber im letzten Moment dagegen entschieden. Ich dachte ich packe es, aber ich konnte mich einfach nicht überwinden. Was redest du überhaupt für einen Quatsch?“, entgegnete ich, „von hier kann man das doch kaum sehen, ihr habt es euch wohl so sehr gewünscht, dass ihr euch das schon einbilden wolltet.“ Ich schaute in prüfende Gesichter, die aber wohl keine Lust auf eine weitere Diskussion hatten. Erstaunt von der Leichtigkeit eine Lüge über meine Lippen zu bringen, setze ich mich auf mein Handtuch. Die anderen waren wirklich leicht zu überzeugen, doch was mache ich jetzt?

Gestern war ein wirklich komischer Tag. Nachdem wir das Schwimmbad wieder verlassen hatten, trennte ich mich von der Gruppe mit der Begründung Kopfschmerzen zu haben und nach Hause zu wollen. „So schlimm ist es auch nicht, dass du nicht gesprungen bist“, lenkte Tilo ein, der meinen Vorwand durchschaut hatte, aber ich beharrte auf den Kopfschmerzen und fuhr in die Richtung meines Zuhauses. Statt wirklich direkt ins Bett zu gehen, kletterte ich Zuhause auf unseren Apfelbaum. Wenn ich im Schwimmbad nicht nur halluziniert habe, dann müsste ich ja theoretisch auch von unserem Apfelbaum herunter schweben können. Gesagt, getan. Es fühlte sich zwar eher wie ein Selbstmordkommando an, da es eine sehr abwegige Idee ist sich von einem Baum zu stürzen, um zu testen, ob die Superkraft „Fliegen“ für die Menschheit ab hier und ab heute existiert oder nicht. Schlimmsten Falls würde ich mir ein paar Knochenbrüche zulegen und besten Falls würde ich fliegen können. Meinem unspektakulären Leben, was ich sehr liebe, könnte ich dann Adieu sagen. Ich hatte einen Frosch im Hals, musste mich ständig räuspern. Bis zum Morgengrauen würde ich auf dem Boden liegen mit sämtlichen Knochenbrüchen, wenn mich meine Eltern aus dem Haus nicht hören. Haben sie ihr Schlafzimmerfenster offen stehen gelassen? Für eine kurze Sekunde überlegte ich ins Haus zu gehen und nachzuschauen, sodass ich nicht eine ganze Nacht auf unserem ungemähten Rasen liegen müsste, wenn ich nicht fliegen könnte. Wie das klingt- als wäre es wirklich realistisch, dass ich fliegen könnte. Das ist absurd. Meine Füße suchten schon den absteigenden Ast zum Erdboden, doch meine Arme argumentierten gegen die Füße, klammerten sich an dem oberen Ast fest, um mir die Entscheidung zu erschweren. „Soll ich so verrückt sein, meinen Halluzinationen glauben und springen?“, sprach ich die Frage laut aus.

Samstag
Als kleines Mädchen hatte ich Wellensittiche als Haustiere. Heutzutage finde ich es bedenklich Wellensittiche in einem Wohnzimmer zu halten, selbst wenn der Käfig eine angemessene Größe hätte, was er niemals hat. Hielt ich die Vögel gefangen, weil ich neidisch war, selbst nicht fliegen zu können? Mit dem Argument, dass die Tiere nicht in ihrem natürlichen Lebensraum sind, könnte man sich gegen jede Art von Haustier aufbäumen, aber das ist es gar nicht. Es geht mir speziell um die Vögel, deren Fortbewegungsmittel einfach still gelegt wird durch die Stangen des Käfigs. Auch die eine Stunde am Nachmittag, wo die Vögel dann das Wohnzimmer zum Rumfliegen nutzen konnten, brachte sie der Freiheit auch nicht näher. Was für ein trauriges Wellensittich Leben, ohne dass die Wellensittiche überhaupt wussten, das außerhalb der Scheibe ein ewig andauernder Freiflug möglich wäre. Menschen fliegen nicht. Menschen träumen nicht fliegen zu können, denn es ist evolutionsbiologisch nicht möglich. Menschen haben keine Flügel, also können sie nicht fliegen. Vögel haben Flügel, können fliegen, aber als Haustier sollen sie nicht fliegen, damit sie bei ihrem Besitzer bleiben.
Die Komik an der Geschichte ist, dass ich mich jetzt wie mein Wellensittich Stitchi fühle. Für mich gibt es keinen offensichtlichen Käfig, denn ich kann nicht offensichtlich fliegen. Dachte Stitchi nicht auch daran eines Tages einen Freiflug machen zu können, ohne gegen eine Scheibe zu fliegen? Öffentlich zu zeigen, dass ich etwas außerhalb unserem logischen Wissenstandes Zustande bringe, ist nicht möglich. Die erste Reaktion wäre sicherlich, dass ich ausgelacht werden würde. Wenn ich dann bewiesen hätte, dass ich fliegen kann, würde es vorerst geleugnet werden. Dann würde sich die Neugierde einschalten und dann würde geforscht werden. Meine Menschenqualitäten würden in den Hintergrund gerückt werden, denn ich wäre ab dem Zeitpunkt ein Forschungsobjekt. Vielleicht würde sogar die Frage aufkommen, ob ich überhaupt noch ein Mensch wäre, denn Menschen können nicht fliegen. Wäre ich dann ein Vogelmensch? Oder würde ich einen komplizierten lateinischen Namen zugeschrieben bekommen und wäre dann ein Homo vogulus meinertfluegelus? Das wichtigste wäre Regeln und Gesetze zu verabschieden. Ich könnte jederzeit in den Flugraum eindringen und den Flugverkehr gefährden. Wenn eine Drohne schon angemeldet werden muss, wäre ein 1,60 Meter großer Homo vogulus meinertfluegelus ein größeres Problem. Wenn ich dann noch eine Kamera in der Hand hätte beim Fliegen wäre ich schon fast als gefährlich einzustufen, da ich Spionage betreiben könnte. Der deutsche Geheimdienst würde mir auf die Spur kommen, mich zu Spionage Zwecken „rekrutieren“ und mich nach Amerika, Nord Korea und Russland schicken. Abhörgeräte sind out, da könnten sie doch einfach auf den Vogelmenschen zurückgreifen. Von außen sehe ich so unscheinbar und unauffällig aus wie immer, obwohl ich in Wirklichkeit der neue Spionage Kampfjet wäre. Falls die deutsche Regierung kein Interesse an mir hätte oder gar Angst vor mir hätte, würde ich sicherlich eine Schlagzeile in der Zeitung bekommen und in die Psychiatrie geschickt werden. „Sie behauptet fliegen zu können“ und dann fälschen sie ein Video, was sie als Quelle angeben, auf dem sich jemand von einem Garagendach stürzt und sich schwer verletzt, anstatt zu fliegen. Die Leute würden den Artikel schneller vergessen als die leere Milch im Kühlschrank, mit dem Kopf schütteln und sich dem Sportteil der Zeitung widmen, während ich darum bitte wieder ganz normal in Schwimmbäder einbrechen zu können wie jeder normale Jugendlicher auch.
Oder sie würden mich an die Wissenschaft verkaufen, wobei besser gesagt meine genetischen Codes, damit wir unsere Rasse soweit modifizieren könnte, sodass bald jedes neugeborene Kind fliegen kann. Ich merke wie mein Nacken schmerzt, da ich ununterbrochen in das Blau des Himmels starre, so als würde ich mich in eine Hypnose versetzen wollen. Selbst wenn ich ab heute fliegen kann, werde ich dieses unendliche blau, was uns nicht in die Galaxie schauen lässt, niemals durchdringen können. Ich atme hörbar aus, denke ein letztes Mal an die Folgen meiner Verwandlung in einen Vogelmenschen. Das, was mich wohl am meisten stören würde, wäre, dass ich nie wieder eine Ausrede hätte zu spät zu kommen. „Vor mir ist eine Entenfamilie geflogen, die nicht auf die von mir berechnete Mindestgeschwindigkeit gekommen ist, um pünktlich zu kommen. Was sollte ich machen, ausweichen? Das ist unmöglich, da es nur diese eine Flugbahn zur Schule gibt“, würde ich verzweifelt rumdrucksen und dann doch nachsitzen müssen. Außerdem müsste ich bestimmt andauernd für meine Eltern einkaufen fliegen und ja, es wäre umweltfreundlicher, aber sicherlich nicht rückenschonend für mich. Irgendwann hätte ich einen Einkaufsbuckel und die Leute würden mich erst Recht für verrückt halten. Dann bräuchte ich mir nur noch einen Besen zwischen die Beine zu klemmen und ich wäre die stadtbekannte Hexe. Doch was wäre, wenn ich fliegen könnte, ohne dass es die von Regeln gefesselte Gesellschaft mitbekommt?
Meine Entscheidung ist gefallen. Meine verrückten, regelfernen Freunde werden diejenigen sein, mit denen ich das Fliegen teilen werde. Anstatt mir das Leben mit einer kompletten Geheimhaltung zu erleichtern, erschwere ich es mir wahrscheinlich eher damit, dass ich es ihnen erzähle, aber sie wissen so gut wie alles über mich und ich über sie. Es wird sicherlich damit enden, dass meine Freunde sich neue Mutproben für mich ausdenken, die über einen Schwimmbadeinbruch hinaus gehen werden. Mutproben im „Spring mit verbundenen Augen von der Sporthalle“ Kaliber werden sicherlich in Erwägung gezogen, denn Mutproben gehören zu unsere Freundesgruppe dazu wie die Erdbeere zu den Nüssen – es ist absurd und man würde es auf den ersten Blick nicht erwarten, aber es ist eine unveränderliche Eigenschaft der Gruppe.
Dicht halten werden sie hundertprozentig, denn im Gegensatz zu den anderen Menschen, die ich kenne, geht es meinen Freunden nicht um Aufmerksamkeit oder um „Coolness“, sondern lediglich darum in unserer Gruppe Spaß zu haben. Selbst wenn sie es jemand anderem erzählen würden, dann denke ich, dass ihnen eine blühende Fantasie zugesprochen werden würde. Soweit würde es aber nicht kommen.
Ich dachte noch an meine Nacht und Nebel Aktion, in der ich vom Apfelbaum gesprungen bin und unversehrt, voller Adrenalin in meinem Bett lag und mir die Welt nicht mehr erklären konnte und tippte eine Nachricht in unsere Schwimmbad Gruppe. Heute um 23Uhr am Schwimmbad werde ich die Schulphysik und die Naturgesetze widerlegen, das Weltbild meiner Freunde erschüttern und mein neues Doppelleben begrüßen. Glücklich greife ich nach dem Wasserglas und puste in das Glas, sodass die Blubberblasen meine Nase kitzeln konnten. Die Menschheit schreibt viele verrückte Geschichten, doch ich würde mein Geheimnis ihr vorbehalten, denn ich wollte frei sein.