Umzugsgehabe.

21 ist eine schöne Zahl, um ausziehen. So sehe ich das Ganze. Schon seit etlichen Jahren habe ich von meiner eigenen Wohnung geträumt und die Idee mal mehr mal weniger verfolgt. In gewisser Weise habe ich Unabhängigkeit vom Elternhaus erstrebt, die ich durch meine eigene Organisation meines Lebens, die Arbeit, das selbst verdiente Geld und meine Freunde etc. angekratzt habe. Doch am Ende des Tages konnte ich mich in das weiche Tuch des Elternhauses fallen lassen, was mich garantiert hält, falls ich es brauche. Das ist ein schönes Gefühl von Sicherheit, was ich niemals missen möchte, aber dieses Tuch ist eben auch die Abschirmung von der Realität sich selbst so ein Tuch erschaffen zu müssen. „Eines Tages, wenn ich ausgezogen bin.“, fingen viele meiner Gedanken an und endeten in einem Traum wie, „dann möchte ich ein riesiges Bücherregal im Wohnzimmer haben“, der so weit entfernt zu sein schien. Jetzt bin ich seit einigen Tagen ausgezogen und was mich am wenigsten interessiert ist, ob ich ein Bücherregal im Wohnzimmer habe. Klar, irgendwann wird das für mich wieder an Bedeutung gewinnen und ich werde für ein Bücherregal sparen, aber ich habe in meiner romantisierten Vorstellung des Ausziehens nicht bedacht, dass ich erst wieder über ein Bücherregal in meiner Wohnung nachdenke, wenn ich mich „Zuhause“ fühle. Wie krass ist es eigentlich zu wissen 21 Jahre in dem gleichen Haus gewohnt zu haben und von einem Tag auf den anderen ist alles anders?

Vor meiner neuen Wohnung. Da lachte ich noch, weil ich die Kisten noch nicht 4 Etagen hochgeschleppt hatte.

Die erste Nacht in meiner neuen Wohnung ist gut verlaufen. Mein Schlaf war dafür, dass ich normalerweise in neuen Umgebungen den instinktiven Nacht- Fluchtmodus spüre, angenehm.
Am ersten Morgen machte ich mich dann daran die ersten Kartons auszuräumen. Mein Kleiderschrank und meine Kommode füllten sich mit meiner Kleidung, meinen Erinnerungsstücken, Ladekabeln, Stiften, Schmuck und Blöcken. Mein Schreibtisch wirkte immer zugestellter mit jedem Blatt, was ich darauf legte. Als ich fertig war, sah die Wohnung aus, als wäre sie lebendiger. Trotzdem dachte ich bei jedem Teil, was ich aus einem der Umzugskartons nahm und in den Schrank oder die Kommode legte: „Es loht sich gar nicht die Dinge auszupacken, wenn ich bald wieder nach Hause fahre.“ Erst nachdem ich diesen Gedanken gedacht habe, fiel mir auf, dass mein Zimmer in meinem Elternhaus leer steht. Kein Möbelstück ist in meinen alten vier Wänden zurückgeblieben. „Diese Wohnung ist mein neues Zuhause und ich werde nie mehr mit meinen Eltern zusammen in diesem Haus wohnen“, ist aktuell immer noch ein Gedanke, der mich beschäftigt und den ich noch nicht ganz akzeptieren kann.

Einerseits stimmt mich das traurig, dass die Zeit des „Zuhause Wohnens“ vorbei ist. Unzählige Erinnerungen verbinde ich mit diesem Haus, die, als ich noch dort wohnte, lebendig und nahbar waren. Jetzt, wo ich außerhalb dieses Hauses wohne, scheinen die Erinnerungen für mich weiter weg zu sein. Die Ferne zu meinem Kindheits- Nest, distanziert auch meine Gedanken davon, oder nicht? Andererseits ist es ein Beginn einer neuen, aufregenden Zeit für mich, der mein „Erwachsen sein“ prägen wird. Die erste Wohnung ist eine erste Erfahrung alleine zu wohnen und sich zu organisieren. Es ist das erste Mal, dass ich mir selber ein Zuhause schaffen muss, da es zuvor immer von meinen Eltern erschaffen wurde. Doch was sind meine Ansprüche an ein Zuhause? Oder ist es im Endeffekt der Gewöhnungseffekt, dass ich nur lange genug hier wohnen muss, um mich „Zuhause“ zu fühlen?

Mein sicherer Hafen

Es gab Tage und Monate, wo mir mein altes Zuhause nicht das „Zuhausegefühl“ gegeben hat, wie es das sonst tat. Ich fühlte mich nicht gut oder habe mich mit meinen Eltern gestritten etc. In jedem Leben gibt es denke ich Momente, wo man am liebsten seine sieben Sachen packen würde und gehen würde, aber im Endeffekt war mir immer bewusst, dass ich das Glück habe einen sicheren Hafen zu haben. Egal, was ich erleben würde oder wenn ich Angst habe, kann ich in mein Zimmer gehen und fühle mich geschützt von der Außenwelt. „Hier bin ich sicher, egal was passiert!“

Dieses Erlebnis zu haben, dass das Grundbedürfnis Sicherheit, erfüllt werden kann, ist eine enorme Erleichterung für den Alltag. Dieses Zuhausegefühl entspringt aus der Sicherheit heraus, die sich aus Vertrauen und Geborgenheit zusammensetzt. Und dieses Zuhausegefühl gilt es ab dem Tag meines Auszugs für mich in dieser neuen Wohnung zu entdecken:
Was kann mir hier Vertrauen geben?
Wodurch fühle ich mich geborgen?

Zu meinem Glück ziehe ich mit meiner besten Freundin zusammen, mit der ich auf diesem schaukelnden Gefühlsboot umhertreibe. Früher dachte ich, der Schritt des Umzugs ist nur das Ankommen an einem aufregenden, neuen Hafen und nicht gleichzeitig auch das Loslassen des sicheren, alten Hafens.

Entsteht mein Vertrauen in meine neue Wohnung durch Erfolgserlebnisse und Geborgenheit durch die Gewöhnung an die neue Umgebung? Oder ist es ein Gefühl, dass aus meinem inneren heraus durch die Akzeptanz und der Annahme der Unsicherheit und der Imperfektion ist?

Umzugs(de)mut

Zum Umziehen gehört eindeutig Mut für mich, den ich so gar nicht wahrgenommen hatte bisher.
Einen Neuanfang an einem neuen, wenn auch bekannten Ort zu starten, bedeutet auch Distanz zu der gewohnten Wohnumgebung herzustellen.

Kommt mit der Distanz zu meinem Elternhaus auch eine neue Form von Wertschätzung zustande?
Selbstverständlichkeiten werden plötzlich zu Besonderheiten. In der ersten Woche meines Umzuges wollte ich mir eine Tomatensauce kochen, wofür ich alles notwendige besorgt hatte – bis auf die Zwiebeln. Bei meinen Eltern waren Dinge wie Zwiebeln, Knoblauch, Mehl, Zucker..etc. einfach immer vorhanden. Selbst wenn ich dort für die Familie einkaufen war, musste ich sowas beinahe nie kaufen – weil es eben immer da war. Jetzt stand ich da mit all‘ den Zutaten und Zwiebeln fehlten. Ich musste erstmal lachen – einfach weil ich felsenfest davon überzeugt war, dass wir Zwiebeln im Schrank haben. Das war einer der Momente, wo mir deutlich wurde wie angenehm und bequem es wirklich ist Zuhause eine/n Manager*in – in meinem Fall meine Mama – zu haben.
Plötzlich ist man auf sich allein gestellt, wenn der Klempner einen Wasserhahn reparieren soll und fragt, wo sich das Wasser ausstellen lässt. „Gute Frage – nächste Frage“ dachte ich mir im ersten Moment und hätte am liebsten meinen Vater angerufen. Der weiß sowas nämlich! Natürlich habe ich den Wasseranschluss dann noch gefunden, aber im ersten Moment ist es so unerwartet, dass ich selber nun die „wissende Person“ bin, der die Wohnung gehört.

Selbstständigkeit und Verantwortung übernehmen sind Schlüsselwörter, die ohne das eine nicht funktionieren können. Ich kann nicht selbstständiger werden, ohne neue Verantwortung zu übernehmen, aber es ist doch noch mal ein Unterschied sich dessen bewusst zu werden. Ich bin froh endlich diesen Mut aufgebracht zu haben auszuziehen, den viele meiner Freunde schon vor mir gefasst haben – aus unterschiedlichsten Gründen. Ich merke nur, dass es mir enorm den Druck nimmt, zu wissen, dass ich diese Entscheidung für mich treffen konnten und nicht aus unangenehmen Beweggründen heraus. Ich wurde mutig, weil mein Leben mutiger werden soll!
Gleichzeitig verbinde ich diesen Mut mit der Dankbarkeit zu wissen, dass ich, selbst wenn es noch dauert bis ich mein neues „Zuhausegefühl“ entwickelt habe, immer ein Zuhause haben werde.

Z – Zusammengehörigkeit
U – Ursprung
H – Haus
A – Anker
U – Ungefiltert
S – Sicherheit
E – Erinnerungen


Denn das Ausziehen ist ein sich „Nackt machen“ in einer anderen Art und Weise. Ich erkenne neue Seiten an mir, die unter dem behüteten Deckmantel des Familienhauses verborgen geblieben wären.

Danke Mama, danke Papa – für euch & eure Unterstützung.