Geburtstage feiern.

Einen Fußstapfen nach dem anderen setzen sie in den Schnee. Die Fußabdrücke schmolzen förmlich den Schnee ein, doch anstatt dass das gefrorene Wasser wie ein Meer seine Wellen bewegte und fortschwamm, blieben die Abdrücke wie in Gips verharren.
Der Wald atmete seine frische Luft in ihre Gesichter, während die Kälte diese Luft auffing und als eine Art angenehmen Schmerz verpackte, um die Gesichter aller Spaziergänger*innen zu benetzen.
Die Wangen färbten sich rot und sie fühlten das Blut durch ihre Adern fließen, was sich wohlig warm an den gefrorenen Stellen ausbreitete.
Warme Wangen und warme Ohren hatten sie, dank des Blutes und dank ihrer Mützen.

Ich habe über Geburtstage nachgedacht“, sagte sie, ohne den Kopf zu ihr umzudrehen. Sie durfte die Augen nicht von dem Weg lassen, damit sie nicht den steilen Berg herab stolperte. Jeder Schritt musste mit bedacht gewählt werden.

„Und zu welchem Schluss bist du gekommen?“

„Weißt du noch letztes Jahr? Du hast mir Sekt und ein Sparschwein mit einer Brille geschenkt, wo 10Euro drin waren. Auch wenn ich es erst später zugeben wollte, war ich enttäuscht. Du gibst dir sonst immer so viel Mühe für deine Freunde und Freundinnen, bastelst kleine, aufmerksame Karten oder schenkst genau das passende Geschenk.
Auch wenn mir nicht bewusst war, dass ich eine Erwartungshaltung hatte, so hatte ich eine. „Warum schenkt sie mir keinen selbstgestrickten Pullover oder ein Gedicht mit einem Geburtstagskuchen?“, dachte ich damals, während ich mich bei dir bedankte…“

“Und später schriebst du mir dann, dass du enttäuscht warst..auch weil ich eine der letzten war, die dir gratuliert hat…um 1Uhr morgens am nächsten Tag“, vervollständigte sie ihren Satz.

“Genau..“, sie zögerte einen Moment, bevor sie weitersprach, „es ist irgendwie eine unangenehme Erinnerung. Ich wünschte ich wäre nicht enttäuscht gewesen und hätte einfach darüber stehen können. Jetzt habe ich über Geburtstage nachgedacht.
Ist der Tag, an dem man sich von dem Körper seiner Mutter abnabelt, wirklich so wichtig im weiteren Leben?

Oder ist es eher, dass es eine Art Fortführung eines Rituals ist, was zu einem Zwang werden kann. Wenn ich an meinem Geburtstag traurig bin und nicht feiern möchte, warum kann ich dem nicht nachgehen, sondern muss bei der Familie sitzen oder mit Freunden feiern, obwohl mir gar nicht danach ist? Dauernd ruft jemand an. Das klingt so negativ..das soll es gar nicht sein. Ich hinterfrage nur, warum ich diese Erwartungshaltung bekommen habe und warum andere so viel Wert darauf legen dir eine Nachricht mit „Happy Birthday“ zu schreiben. Du schreibst „Danke“ zurück und dann schreibst du mit der Person erst, wenn die andere Person Geburtstag hat (und du es nicht vergessen hast) oder wenn du wieder Geburtstag hast. Ist das nicht verrückt?“

„Auf eine Art ist es verrückt. Ich meine du hast dir deine Geburt genauso wenig ausgesucht wie deinen Geburtstag. Ich würde auch behaupten, dass Geburtstage im tiefsten Sinne für die Eltern sind, anstatt für die Kinder. Die ersten Jahre – oder vor allem das erste Jahr, kriegt das Baby sowieso nicht wirklich was mit, was erinnerungswürdig ist, einfach weil das Baby so viel lernen muss. Am ersten Geburtstag feiern die Eltern, dass sie ihr Kind haben und das Kleine versteht gar nicht, was um es herum passiert. Erst im Laufe der Jahre und da ist diese Vorfreude auf Geschenke und Kuchen mit dem obligatorischen Zuckerschock bei Kindern schon tief verwurzelt. Jeder fragt dich: „Und freust du dich schon auf deinen Geburtstag?“ Und „Nein“ ist da ja keine Option, es geht ja schließlich um DICH und es wäre undankbar „Nein“ zu sagen.
Auf der anderen Seite wäre es auch bei einer relativ funktionierenden Familie, von der wir hier ausgehen, traurig sich nicht darüber zu freuen, dass andere an einen denken. Selbst wenn es „Geburtstagsbezogen“ ist – du wirst über den Tag kontaktiert und du musst dir ausnahmsweise keine Mühe machen Kontakt zu den anderen zu halten. Und ich kann mir auch Schlimmeres vorstellen, als sich den Bauch mit Kuchen vollzustopfen“, sagte sie und lachte. „Mist, jetzt habe ich Hunger“, fügte sie noch hinzu und streichte mit ihren Händen, die in Handschuhe eingepackt waren, über einen Ast. Der Ast war in kleine Eiskristalle eingepackt. Es sah aus als hätte der Ast ebenfalls einen Handschuh aus Eiskristallen an. Beide blieben stehen und atmeten tief durch.

„Jetzt, wo du es so sagst: Du hast Recht. Es ist wie anerzogen sich darüber zu freuen, dass es deinen Geburtstag gibt, dabei ist es irgendwie surreal an dem eigentlichen Tag sich darüber zu freuen.
Es ist ein Tag wie jeder andere, nur das du daran messen kannst wie alt du bist. Ist es vielleicht auch das Feiern der Vergänglichkeit?
Im Sinne von: „Du hast noch ein Jahr auf diesem Planeten geschafft.
Du wirst jetzt 25 Jahre alt und hast im Durchschnitt deiner Generation noch ungefähr 50-60 weitere Geburtstage.“ Man feiert ein weiteres Lebensjahr und hofft weitere Erinnerungen schaffen zu können, um in der Retrospektive sagen zu können: „Damals habe ich meine Vergänglichkeit noch gefürchtet, weil so viele Partys noch gefeiert werden wollten, so viele Länder bereist werden wollten, so viele Gerichte noch probiert werden wollten. Heute habe ich keine Angst mehr. Meine Vergänglichkeit ist auf meiner Haut gezeichnet wie auf einem runzligen Papier, was Charakter hat.“ Das wäre schön.“
Sie schaute in den Himmel und beobachtete wie ihr kühler Atem, der den so typischen Atemnebel erzeugte, in die Höhe stieg. Sie dachte an die heliumgefüllten Ballons, an denen eine kleine Nachricht angebracht wurde. Oft wird an Hochzeiten eine Horde Ballons in die Lüfte entlassen. Sie hatte mal in einem Busch einen solchen Hochzeits- Luftballon gefunden. Auf dem kleinen Zettelchen stand: „Wer auch immer das liest – schreib‘ mir unter dieser Nummer. Ich habe echt keine Lust nach meinem 30. Geburtstag zu fegen. Blöde Traditionen. In 5 Jahren ist mein 30. Geburtstag. Liebe Grüße.“ Dann stand dort die Telefonnummer. Ist das ein gesunder Umgang mit Geburtstagen?
Und warum stand auf dem Zettel nicht einfach „Du wirst deinen Weg finden“ oder irgendwas in dieser Art. Das hätte sie damals sicherlich weniger verwirrt.

„Und was denkst du nun über deinen Geburtstag?“

„Ich weiß irgendwie nicht Recht, ob ich an meinem Geburtstag weiterhin Geschenke bekommen möchte. Kann man sich die nicht das ganze Jahr über schenken? Und ist es nicht irgendwie albern alle „lieben Worte“ für diesen Tag aufzuheben. Vielleicht brauche ich auch mal eine herzliche Umarmung oder einen Anruf, wenn ich nicht Geburtstag habe. Denkt da denn niemand dran?“

„Gute Frage. Aber meinst du nicht, dass das nicht nur mit der anderen Person zu tun hat, sondern auch mit dir?
Wie wärs, wenn du mir nächstes Mal Bescheid sagst, wenn du eine Umarmung brauchst?“, fragte sie und schaute sie an, auch wenn sie riskierte, dass der nächste Schritt ein Sturz werden könnte. Die Schneemassen waren unberechenbar.

„Okay. Ich werde es versuchen. Etwas einzufordern, erfordert so viel Energie. Paradox…“, sagte sie nur und schaute sie zurück an.
Ihre braunen Augen trafen auf ihre grüne Augen. Die geröteten Wangen hoben sich an, sodass bei beiden ein eingefrorenes Lächeln zustande kam. Sie sagten sich, dass beiden kalt wäre und sie Hunger auf Kuchen hätte.

„Und was ist nun mit den Geschenken? Soll ich dir nichts mehr schenken?“, fragte sie und schaute wieder Richtung Weg.

„Ehrlich gesagt weiß ich das nicht. Möchtest du mir denn was schenken?“

„Ich schenke dir gerne was zu deinem Geburtstag. Ehrlich gesagt sind Geburtstage für mich angenehme Fix- Tage, um an eine bestimmte Person zu denken und mir auch Gedanken um ein Geschenk zu machen. Für den Überblick ist das ganz angenehm und klar kommen auch andere Tage infrage, um dir was zu schenken, aber dein Geburtstag ist irgendwie der offensichtlichste.“

„Das einzige, was ich nicht möchte ist Zwang. Den Zwang habe ich viel zu oft als meinen Antrieb. „Weil man das eben so macht“ – ich kann es nicht mehr hören, ehrlich. Ich will etwas machen, weil ich es machen will und nicht „man“.
Manchmal denke ich nicht gerne an meinen Geburtstag, einfach weil ich traurig bin, weil ich nicht will, dass so viele Menschen an mich denken. Das stresst mich manchmal, wenn so viele Menschen an einem Tag alle etwas von mir wollen.
Vielleicht könnte es ein Ritual werden an jedem meiner Geburtstage wegzureisen.“

„Wegreisen als Flucht vor lieb gemeinten Worten?“

„Lieb gemeinte Worte, die die ehrliche Meinung verdecken?
Nein eine Flucht soll es nicht werden – dann wäre ich ja auch fremdbestimmt und ich würde nicht wegreisen, weil ich das aus tiefstem Herzen will. Andere wären mein Antrieb meine Beine zu bewegen.
Aber du hast Recht – es ist utopisch jedes Mal an seinem Geburtstag wegzureisen.“

„Meinst du wir schätzen es nicht genug am Leben zu sein?“

„Was meinst du?“

„Wir beide wertschätzen vielleicht das „Wunder“ des Leben-Gebens nicht genug“, sie lachte und strich sich eine eingefrorene Strähne hinter die Ohren und redete weiter, „.., weil so gesehen kann ich dich auch ohne Grund feiern, weil du meine Freundin bist. Und deine Eltern haben dich gefeiert, weil du nun endlich nach 9 Monaten warten bei ihnen warst.
Natürlich müssen wir uns nicht jedes Jahr feiern – immer genau an dem selben Tag. Vielleicht ist es viel wichtiger die anderen Tage wie einen Geburtstag zu feiern – voller Selbstwertschätzung und Freude weiter am Lebensspiel teilnehmen zu können.“

„Schwafel nicht so!“, sagte sie provokant und knuffte sie in die Seite.

„Hast ja Recht“, antwortete sie.

„Aber was willst du denn nun, was an deinem Geburtstag passiert?“

„Ich will meine anerzogenen Erwartungen ablegen, die ich habe.
Und ich denke das geht nur, wenn ich aus meinem Geburtstag etwas zwangloses mache. Ich kann ihn feiern, muss ich aber nicht. Ich kann lachen, muss ich aber nicht. Ihr könnt mir Geschenke schenken, müsst es aber nicht. Kein Zwang – das ist mein Geburtstagswunsch.
Keine Erinnerung im Kalender. Du kannst an meinen Geburtstag denken, musst es aber nicht. An dem Tag soll es um mich gehen wie an jedem anderen Tag auch, aber zu der anderen Hälfte eben auch darum, wie mein Umfeld auf mich reagiert. Wir sind ein Team. Das ist ein schöneres Gefühl als inmitten der ganzen Menschen sich einsam zu fühlen.“

„Wie wäre es, wenn wir einfach an einem Tag unseren Geburtstag zusammen feiern? Aber immer einen anderen Geburtstag: Den Geburtstag meiner ersten eigenen Wohnung. Den ersten Geburtstag meiner Zimmerpflanze „Johnny“ oder meiner Katze Theo.
Intuitiv, wenn wir es wollen.“

„Verrückt und das mag ich.“

Beide spazierten Richtung Parkplatz, der die Autos in seinem Schnee festhalten wollte.

Als wir zusammen lachten.

Die weiße Wand

Leg dich neben mich
Dein Atem ganz nah
An meiner kühlen Haut
Die weiße Wand schaut
Auf unsere Körper nieder
Als wären wir eins

Das unendliche Weiß
Trifft auf deine Linse
Das Licht zerbricht sanft
In tausend Teile
Doch was in dir bleibt
Ist das unendliche Weiß

Du liegst neben mir
Wir berühren uns nicht
Liegen gedankenlos da
In unserer Gegenwart
Als wären wir ewig

Du, in meinem Bücherregal


„So kann es auch mit vergangenen Freundschaften sein. Du wirst die Erinnerungen mit dieser Person zusammensuchen und sie bündeln- wie in einem Fotoalbum oder einem Buch. Du hältst die Erinnerungen in einem Foto oder in Worten fest, klebst sie ins Album oder schreibst mit Tinte auf das Papier. Der Geruch der Person benetzt vielleicht eine Seite des Buches. Du lässt diese Bilder in dir sein, weil sie Teil von dir sind, aber gleichzeitig lässt du los, von dem, was mal ein Alltag von dir war. Langsam stellst du das Buch in dein Bücherregal. Das ist nun der Platz dieser Freundschaft und wenn du dich danach sehnst, kommst du zum Regal zurück. Streifst mit den Augen die Bücher, die gerade erst noch geschrieben werden oder wovon es sogar schon den 2. oder 5. Band gibt. Dann findest du das Buch dieser Freundschaft,setzt dich hin und fängst an zu lesen.
Manchmal schmerzt es, wenn du an die Freundschaft denkst, manchmal lachst du und manchmal blätterst du friedlich durch die Seiten und tauchst in die Vergangenheit ein.
Dann legst du das Buch zurück, wohl wissend wie das Ende ist und lebst weiter“, schmückten meine Gedanken aus, was meine Freundin mir zuvor erzählt hatte.
Sie brachte die „Bücherregal“-Metapher in meinen Kopf und seit dem versuche ich mich daran mein Regal zu füllen.

Es ist wie beim Tagebuch schreiben:
Ist der Gedanke einmal zu Papier gebracht worden, wiegt er nicht mehr so schwer im Kopf.
Denn ich denke an dich, mal mehr, mal weniger und frage mich:

Du wirst in meinem Bücherregal stehen – ich auch in deinem?
Wäre ich ein Roman oder ein Krimi für dich?
Siehst du mich als schuldige Person, warum wir nur noch Bücher füreinander sind und keine Freunde mehr?
Wirst du dich gerne an mich erinnern oder keine Miene verziehen?
Was bedeutet Freundschaft für dich und hat jedes Freundschafts-Buch ein offenes Ende?

Und was bringen mir diese Fragen, außer dass sie mir zeigen, dass ich nicht wirklich mit der Vergangenheit abschließen kann.
Oder ist es der Prozess vom Loslassen, der einen, bevor die stürmischen Gedanken sich beruhigen und zu seichten Gewässern werden, ein letztes Mal das Vergangene durchleben lässt?
Ich werde keine Antwort darauf bekommen und das ist okay, denn ich bin entschlossen dieses Bücherregal zu bauen.
Es wird einen Ehrenplatz in mir bekommen, doch bis ich bereit dafür bin, werde ich die leeren Reihen mit fremden Büchern füllen.
Aktuell steht dort „Vom Ende der Einsamkeit“ von Benedict Wells (Empfehlung).
Der Titel spricht vielleicht sogar aus, was mein leeres Bücherregal verkörpert. Die Einsamkeit nimmt ein Ende, wenn ich zulasse, was schon längst geschehen ist.