Festivallaune

Liquicity 18

Eine neue Art von Urlaub

Der Festivaltrend zieht sich durch viele Länder und lässt Festivals wie z.B. Tomorrowland stetig wachsen. Tausende von Menschen strömen zu riesige Feld- oder Betonlandschaften, zu Wiesen oder zu Flugplätzen, die in eine Festivallandschaft verwandelt werden. Die Stages sind oftmals richtige Kunstwerke, die einen individuellen Spirit verbreiten mit ihrer Architektur, Beleuchtung und ihrer Größe. Selbst einfach gehaltene Stages werden mit spacigen Festivalgänger mit Ganzkörperanzügen, Glitzer Make-Ups, Zauberstäben, Seifenblase, Jogginghosen, Tüllröcken, Gummistiefeln, Bandanas, Gesichtsaufklebern, Feenflügel, Blumenketten, Cowboyhüten, Pailettenjacken, Latzhosen, Capes, Kronen (uvm.) geschmückt. Natürlich laufen auch „normal gekleidete“ Leute übers Gelände, die genau wie Glitzerfanatiker ihr Teil zur Festivalgemeinde beitragen, auch wenn es nur ein Lächeln auf dem Gesicht ist. Wenn das Lächeln für kurze Zeit verschwindet, wenn man an dem Bereich der Dixi-Klos vorbeigeht, so kommt es beim Fühlen der Bässe und der Musik schnell wieder zum Vorschein. Die Festivalluft ist durchmischt mit dem miefigen Geruch der Campingplätze, , dem Schweiß der tanzenden und grölenden Menge, dem Qualm tausender Kippen, dem Duft der Essensbuden und dem Geruch der umliegenden Natur – was gibt es schöneres?

Karussell aufm Festival 

#Festivalvibes

Ist man auf einem Festival, lebt man für einige Tage in einer Alternativwelt, in der man frei und ungezwungen ist. Es ist eine Art Hippielifestyle, den man als Festivalgänger lebt. Egal wer du bist, du bist aufgenommen in die Festivalgemeinschaft, denn du bist mit jedem einzelnen durch deine Leidenschaft zur Musik verbunden. Die Musik ist das Bindeglied und das,was die Massen bewegt. Alle lassen ihre Hüften schwingen, reißen ihre Arme indie Luft und atmen die „positive Vibes“ ein.

Auf meinem letzten Festival habe ich getanzt als würde ich das letzte Mal in meinem Leben tanzen. Ich muss ausgesehen haben wie eine wildgewordene Irre, die ihren Körper nicht mehr kontrollieren kann, aber ich habe nichts wahrgenommen außer der Musik und der Bewegungen der Massen in dem riesigen Zelt. Neben mir tanzte ein Mädchen, das genauso durchgeschwitzt war wie ich und das mich glücklich anlächelte. Es ergab sich, dass wir mit einigen anderen in einer Art Kreis tanzten. Es hat unglaublich Spaß gemacht mit diesen fremden Menschen das Gleiche teilen zu können, obwohl wir uns nicht kannten. Ich kannte weder ihre Namen noch konnte ich ihre Sprache sprechen, aber durch diesen gemeinsamen Moment, waren wir kulturunabhängig und schwebten in einem Raum ohne Barrieren. Ich fühlte mich als ein anonymer Mensch unter Tausenden, aber ich  fühlte mich nicht einsam – eher im Gegenteil. Gedanken wie „Was denken andere über mich?“, fallen weg, denn niemand stellt Erwartungen an dich, wer du bist oder was du machst, zu Mindestens dachte ich mir das, denn im Alltag habe ich oft das Gefühl, dass mich dieser Gedanke mich hemmt in meinem Tun . Du kannst einfach sein.  
Das Wichtigste ist jedoch, dass du die Reise mit Personen antrittst, denen du vertrauen kannst, denn selbst in dieser friedlichen Atmosphäre braucht es jemanden, auf den man sich verlassen kann. Freunde machen ein Festival erst komplett.
Wenn ich mich sicher und vertraut fühle, dann kann ich das auch selbstbewusst nach außen tragen. Die Anonymität in der Masse kann ich aufrechterhalten, ohne mich einsam zu fühlen oder ich kann sie abstreifen wie eine Hülle und mich nach außen öffnen. Es ist ein Tanz zwischen Abgrenzung und Annäherung, zwischen Vertrautheit und Fremdheit, zwischen Zaghaftigkeit und Neugier. Ich kann mich von der Welle tragen lassen und weiß zugleich, dass ein kleines Boot hinter jeder Welle wartet und mich zurück ans Ufer bringt, wenn es mir zu viel wird. 
Doch wenn du tanzt denk‘ nicht nach, sondern lebe den Moment! 
Beim Tanzen lässt man die Musik aus seinem Körper auf die Tanzfläche strömen,während man beim Singen die Musik einatmet und durch seine Adern fließen lässt. Normalerweise singe ich unter der Dusche oder im Auto zur Musik meiner Musikbox(weil Radiomusik ist nur in Ausnahmefällen erträglich), aber auf einem Festivalgibt es kein „Ich traue mich nicht“. Wie in einem Bällebad lässt man sich in die Melodie hineinfallen. Wie in einem Rausch bewegt sich mein Körper durch das Vibrieren des Bodens und durch der durchdringende Bass, der in meinem Zwerchfellabgefangen wird. 

Kein Druck lastet auf mir, ich kann einfach loslassen, unkontrolliert ich selbst sein.

Zwischen Glücksgefühlen und Dixi-Klos

Die Füße sind taub vom Tanzen, die Klamotten sind bis auf die Unterhose nass geschwitzt, die Dosenravioli sind in deinem Magen geblieben und alle sind glücklich und zufrieden.
Das ist das Geheimnis der Festivalgemeinde – alle kommen aus dem Grund eine gute Zeit zu haben. Seien es die Künstler, die meist eine grandiose Bühnenshow hinlegen oder der freundliche Zeltnachbar, der auf ein Bierchen vorbeikommt. Es ist ein Ort der „Free Hugs Schilder“ und der guten Laune.
Natürlich sind Festivals ebenso Orte, wo man sich über Dixi Klos aufregt (die man sich mit tausenden Menschen teilen muss), sieht wie abschreckend Drogenkonsum sein kann, Mitleid mit den Sanitätern hat und wo man sich wünscht, dass das Frischegefühl nach der Dusche länger anhält. Das Duschen ist je nach der Organisation eines Festivals ein Grauen oder ein Geschenk. Doch selbst wenn die Duschen nicht den eigenen, hygienischen Ansprüchen entspricht, dann ist es in dem Fall egal. In dem Moment, wo das Wasser den Körper hinunterläuft, fühlte ich mich jedes Mal wie neugeboren, denn für einige Zeit roch ich nach Blumenduft, anstatt nach Schweiß.
Im Zelt miefte es am nächsten Tag nach verbrauchter Luft, die einem in der Nacht jegliche Flüssigkeit aus dem Körper gesogen hat, sodass ich mit einer staubtrockenen Kehle und geschwollenen Augen aufwachte. Außerdem sind die Zeltnachbarn eine Partygemeinde für sich geworden, die bis spät in die Nacht Randale auf dem Zeltplatz gemacht haben, was vielen anderen den Schlaf gekostet hat.
Doch ohne dieses Campingerlebnisse, über die ich am Ende des Tages immer lachen kann, wäre es nicht das Gleiche! Das gehört zu dem Festival-Hippie-Lifestyle dazu.

Zu guter Letzt gibt es bei mir meistens noch ein selbstgemachtes Phänomen, was mich jedes Mal wieder auf die Palme bringt. Meine Festivaltasche ist wie mein Urlaubskoffer vollgepackt bis beinahe der Reißverschluss aufplatzt und trotzdem vergesse ich meistens die wichtigsten Dinge. Hauptsache ich habe alle meine Schminksachen und meinen Festivalschmuck dabei, alles andere fügt sich schon. So dachte ich zu Mindestens, als ich meine Tasche packte, was mich abends im Zelt wieder eingeholt hat, da ich meine Fleesedecke vergessen habe und gefroren habe.
Was tut man nicht alles für ein Outfit mehr in der Tasche?
Mit dem Festival- Hype entstehen auch neue Fashion Styles.
Je auffälliger, verrückter, bunter, detailreicher,aufregender, desto besser, oder? Das ist sicherlich Geschmackssache, aber die künstlerischen Outfits oder extravagantes Augen-Make-Ups geben der Festivalgemeinde einen unvergesslichen Touch. Wie ein Besucher im Museum schlenderte ich über die umfunktionierten Äcker und betrachtete aufwendig gestylte Menschen, die wie Figuren in einem Kunstwerk vor mir erschienen sind. Einerseits wirkt es surreal auf einer umgewandelten Kuh- oder Pferdeweide gestylte Frauen und Männer zu sehen, die den Acker mit sich im Takt bewegenden Schritten ebnen, andererseits hat dieser vereinte Gegensatz von Natur und kreierter Künstlichkeit eine inspirierende Wirkung auf mich, gerade weil es nicht ins Bild passt. 
Anmerkung:Die Fashionstyles sind natürlich festivalabhängig, denn auf anderen Äckern muss man sich gegen die willkürlichen Wetterlaunen rüsten – raus mit den Gummistiefeln, der Regenjacke und der Buddelhose und rein in die Schlammschlacht!
Anstatt einer Glitzerwelt und Feenstaub, gibt es hier nur Schlamm im Stiefel und Alkoholfahnen aufm Acker! 


Denk an all‘ das, was dich glücklich macht und lass‘ das Kribbeln in dir leben wie dein Lieblingssong in deinem Kopf. 

Kritik und Kultur

„Was machen die Menschen schon auf Festivals außer Tanzen, Drogen nehmen und Müll hinterlassen?“
Schattenseiten hat jeder Trend und es stimmt, dass keine innovativen, intellektuell hochwertige Diskurse ausgetragen werden, die die Welt verändern. Der ein oder andere nimmt Drogen und räumt seine Plastiktüten nicht weg, sondern lässt sie liegen, was ziemlich schade ist oder klaut auch Wertgegenstände anderer. Nicht jeder achtet auf seine Mitmenschen, die Umwelt oder auch auf sich selbst, aber das ist Bestandteil des Alltags und der Festivaltage zugleich, was verbesserungsbedürftig ist, um es freundlich zu formulieren. Das auszublenden wäre eine sehr starke Verzerrung dieser Art von Festivität, da es nicht nur einen Blickwinkel auf diese Freizeitaktivität gibt. Dieser „Urlaubs-Trend“ist kritisch zu betrachten meiner Meinung nach wie so viele, beispielsweise wie der boomende Kreuzfahrttourismus. Als Teilnehmer dieser Veranstaltung kann ich für mich selbst nur darauf achten meine sieben Sachen bei mir zu behalten, meinen Müll wegzuräumen und dankbar dafür zu sein mir diese drei Tage voller Konzerte gönnen zu können.  

Einerseits können Festivals eine Partyszenerie im „Project X“ Stil sein, andererseits sind sie auch kulturelle Großveranstaltungen (im traditionellen Sinne auch Festspiele)*.
Sind sie eine Art interaktive Kulturveranstaltungen? Eine Mischung aus Kirmes, Konzerte und Campingplatz ist ein Festival, an dem Festivalgänger in jeder Hinsicht teilnehmen können und ihre Zeit in der mehrtägigen Inszenierung selbst gestalten können. Es ist eine Flucht aus der ernsthaften Realität und lässt einen in eine neue Realität eintauchen, die permanent auf Spaß ausgerichtet ist. Nach dem Konzert ist vor dem Konzert. Dort tanzen die Fans vor der Stage, da hinten kreischen andere ihr Adrenalin aus dem Körper raus, während sich das Fahrgeschäft in atemberaubender Geschwindigkeit um die eigene Achse dreht und am Ende des Geländes sitzen mehrere Freundesgruppen auf ihren Campingstühlen, sippen an ihren Bierdosen und kochen Nudeln auf einem Campingkocher. Wo du auch hinschaust, es macht sich eine Zufriedenheit breit, die auf der Liebe zur Musik gründet. Musik ist eins der wichtigste kulturellen Erben, die von Generation zu Generation weitergetragen werden und die über soziale Konstruktionen wie z.B. Nationalitäten hinaus gehen. Ein Festival ist eine Plattform für den Austausch von Musikliebhabern, Musikkultur und Entertainment.

Hurricane ’17

Was ist diese Zeit für mich?


Die dreitägige Festivalzeit ist eine intensive Zeit, da man quasi Extremsport betreibt  und zugleich von Eindrücken überschüttet wird, weswegen Festivals auch nur temporäre Vergnügen sind. Drei Tage Festival sind vollkommen ausreichend für den Körper (und vor allem für die Ohre, Stimmbänder und Füße), jedoch habe ich jedes Mal neue, unvergleichliche Erinnerungen geschaffen, die kein Strandurlaub je ersetzen könnte. Die ganze Zeit an der frischen Luft Spaß haben, lässt den Kopf frei werden.
Für mich ist die Festivalkultur, die die empfundene Normalität der eigenen, kulturellen Gesellschaft  verwischt und eine neue Diversität von Kulturen zusammenfügt, eine Art Friedenszeit. Die Festivalkultur entsteht durch die Festivalgemeinde, deren Teilnehmer als Grundvoraussetzung die Liebe zur Musik teilen, wodurch eine direkte Verbundenheit resultiert, was das kurzweilige Zusammenleben ungezwungen und locker gestaltet.  Vor den Bühnen, in unmittelbarer Nähe zu den Stars und ihrer Musik, können alle beim Tanzen und Mitsingen Dampf ablassen und Party machen, wonach die meisten durch die körperliche Aktivität ziemlich ausgeglichen sind, was ebenfalls zu einer entspannten Atmosphäre beiträgt. 
Sicherlich ist man abeschnitten von der Außenwelt, die sich mich ernsthaften Problemstellungen auseinandersetzt, aber gerade in dieser friedlichen Atmosphäre kann ich reflektieren was sich in dieser Außenwelt, in der ich lebe, abspielt und wie der friedliche Aspekt der Festivals in diese Welt mitgenommen werden kann. 
An Festivaltagen scheinen alle Anwesenden, die sich zu der Festivalmasse zugehörig fühlen, auf ihre Gemeinsamkeiten zu achten, anstatt auf ihre Unterschiede fokussiert zu sein.  
Wie können wir unseren Alltag mit dem Festivalgefühl der Ausgelassenheit und Freiheit schmücken?


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*https://www.duden.de/rechtschreibung/Festival

Es sind nur Haare!

Seit zwei Jahren habe ich nun kurzeHaare. Seit dem probierte ich wild Frisuren aus und färbte meine Haare hellblond, dann fast weißlich und grau. Es sind nur Haare, aber irgendwie auch nicht.

Meine Haare abzuschneiden war ein kurzer und schmerzloser Akt. Meine Friseurin fragte noch ob ich mir wirklich sicher sei diesen Schritt zu tun, bevor sie meinen braunen Pferdeschwanz abschnitt. Ich war mir zu 100% sicher. Erst zum jetzigen Zeitpunkt realisiere ich, dass ich mir bevor ich meine langen Haare aufgab mir viele Gedanken darüber gemacht habe. Mit meinen langen Haaren gab ich die Sicherheit auf mich hinter ihnen zu verstecken, was ich oft getan habe. In unangenehmen Situationen konnten die Haare als Schutzvorhang dienen, um z.B. Blicke abzuwenden oder einen Gesichtsausdruck zu verbergen. Mit meinen kurzen Haaren lockte ich mich selbst aus meiner Komfortzone heraus. Für mich sind meine

 

Haare in der Hinsicht wichtig, dass sie mir die Möglichkeit bieten mich ständig zu verändern. Die Haare formen mein Aussehen, doch wie ich merke richtet sich die äußerliche  Form nach meinem innerlichen Empfinden. Mein Anblick gefiel mir nicht mehr im Spiegel, da mir die Person im Spiegel nicht mehr gefiel. Kaum hatte ich mich von meinem braunen, „splissigen “ Unheil getrennt, hatte mich die Neugier gepackt wie ich meine innerliche Veränderung angehen konnte.

 

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Die Veränderung der Haare lässt sich sicherlich auch auf andere Beispiele übertragen. Die Kleidung eines Menschen verrät ebenfalls etwas über sein Innenleben. Ist dieser Mensch modebewusst? Ist die Kleidung des Menschen ein Erkennungsmerkmal für eine bestimmte Gruppe(-nzugehörigkeit)? Welchen Beruf hat diese Person (bei Arbeitskleidungen) ? Und noch viele weitere Fragen können durch den Blick auf die Kleidung getroffen werden, auch wenn die Antworten zunächst oberflächlicher Natur sind so lange man die Person n

icht persönlich kennt. Wenn ich mich nicht mehr wohl in meiner Kleidung fühle, weil ich mich mit ihr nicht mehr identifizieren kann, dann habe ich ebenfalls den Drang mich neu einzukleiden. Diese Entscheidung ist aber zunächst abhängig von den finanziellen Möglichkeiten als auch von dem Willen sich von Erinnerungsstücken zu trennen. Die Veränderung passiert für mich nicht kurz und schmerzlos wie bei einer Haarveränderung, da meine weggegebene Kleidung nicht nachwachsen kann, wenn ich sie wieder haben möchte.

Was für Auswirkungen hat mein Aussehen auf meine Gedankenwelt?

Ich fing an für mich selbst selbstsicherer zu werden. Dieser Prozess hört bis heute nicht auf, denn Selbstsicherheit steht und fällt mit der eigenen Selbstakzeptanz und der eigenen Wahrnehmung, die sich jederzeit ändern kann. Zudem distanzierte ich mich von allen Langhaar-Besitzern. Lange Haare kennzeichneten für mich bis dato ein typisches Mädchen, was ich nicht mehr sein wollte. Es ist dabei gleichgültig ob ein Mädchen seine Haare bewusst züchtet*, um sie als eigene Qualität anzusehen oder ob es dem Mädchen schlicht weg gefällt langes Haar zu tragen.  Für meine Freundinnen, die in meinen Augen „typische Langhaar-Besitzer“ sind, sind ihre Haare ihr Hauptaugenmerk. Früher verstand ich es nicht, warum jemand seine Haare um keinen Preis jemals abschneiden würde. „Wie kann man nicht die Neugier haben sich mit seinem Aussehen auszuprobieren? Sind sie sich zu fein?“, dachte ich. Mit dem Abschneiden meiner Haare begann ich zu verstehen: “ Warum sollte jemand seine Haare verändern wollen, wenn er mit sich so zufrieden ist wie er ist?“ Eine Zufriedenheit, die aus dem Inneren auf das Äußere einwirkt.

Mein Hauptargument meine Haare abzuschneiden war, dass sich meine langen Haaren auf meiner Kopfhaut anfühlten als würden sie mich einengen. Ich wollte mich frei und luftig um den Kopf fühlen. Plötzlich konnte ich mich hinter nichts verstecken, sodass ich ebenfalls versuchte meine Gedanken nicht mehr zu verstecken. Es war als würde ich näher zu mir finden wollen.
Ich wollte anders sein als die Mädchen aus meinem (damaligen Schul-)Jahrgang, die (bis auf ein paar Ausnahmen) stolze Langhaar-Besitzerinnen waren. Mit meinem neuen Aussehen fühlte ich mich neu. Ich wünschte mir von meiner Umgebung neu wahrgenommen zu werden. Die Kinder, die ich in einem Hort betreue, fragten warum ich eine Jungsfrisur trage und meine Freunde witzelten, dass ich auch als Junge durchgehen könnte. Ich rechnete mit diesen Bemerkungen und es gefiel mir durch sie Gespräche entfachen zu können. „Definiere ich mich als Frau durch die Länge meiner Haare?“, begann ich mich und die anderen zu fragen.
Wieso sind typische Mädchen für mich langhaarig? Und wieso habe ich eine feste Vorstellung von der „Typischen Frau“, wenn doch jede Frau für sich bestimmt, was es für sie heißt eine Frau zu sein? Wie definiere ich mich selbst als Frau?

Alles nur wegen einer Haarfrisur! Es mag albern klingen, aber meine Haare haben für mich die Funktion mich aufzuheitern. Wenn ich mit mir selber unzufrieden bin, was aus meinem Inneren rührt, dann kann ich als „Trost“ meine Haare verändern. Die innere Haltung zu ändern ist eine langfristige Aufgabe, hingegen Haare innerhalb einer Sekunde komplett anders sein können. Die Verwandlung des Aussehens ist mein Bedürfnis mich auszuprobieren. Was ist für mich der richtige Weg, um mit mir selbst zufrieden zu sein? Ich hoffe eines Tages anzukommen und zu erkennen wie ich innerlich als auch äußerlich am Besten ich selbst sein kann. Jetzt möchte ich meine Haare wieder züchten, um erneut eine Langhaar-Besitzerin zu werden. Und wer weiß- vielleicht brauchte mein altes Ich von vor zwei Jahren und mein jetziges Ich diese Erfahrungen, um diese Erkenntnisse zu erlangen. Und in zwei Jahren werde ich mit langen Haaren neben meinen langhaarigen Freundinnen sitzen und mir nicht mehr vorstellen können wie es war als ich kurze Haare hatte.

*Haare wachsen zu lassen nenne ich „Haare züchten“ oder Haarzucht, weil es nach meiner Erfahrung mit Ruhe, Geduld und Emotionen verbunden ist, sich um seine Haare zu kümmern.