#Writingfriday Der Maskenball

Teilnahme am Writingfriday von Elizzy https://readbooksandfallinlove.com
Die Schreibaufgabe ist, die Wörter „Maske, Habseligkeiten, müde, absichtlich, Widerling“ in eine Geschichte zu verwandeln.

Er saß vor dem Spiegel, strich das Satin Tuch über seine Hand und legte es im nächsten Atemzug neben sich. Er griff nach dem Pinsel.
Jeder Pinselstrich wurde mit Bedacht und Perfektion von seiner Hand geführt. Der Wechsel von Mascara zu Augenbrauenstiften zu Eyeliner zu Pinseln, sowie das Eintunken der zusammengeschnürten Pferdehaare in Puder, Make-Up Paletten, Lidschatten und Glitzer wirkten wie einstudiert. Passend zum Takt der Musik, die durch einen Plattenspieler zum Leben erweckt wurde, legte er die Pinsel wieder ab.
Normalerweise verhalf Ari Schauspielern und Schauspielerinnen, Tänzer und Tänzerinnen, Sänger und Sängerinnen durch ihre Masken und Kostüme sich in ihren Charakter in einem Theaterstück, Ballett oder einer Oper hineinversetzen zu können. Manchmal schminkte er auch den Menschen ihr eigenes Gesicht als eine Maske auf, z.B. wenn er Talkshow Gäste schminkte.
Heute würde Ari der sein, dem die Aufmerksamkeit der Menschen gebührt. Heute würde er niemanden für seinen Moment vorbereiten, sondern einen Moment für sich selbst.

Ari durchwühlte seine Habseligkeiten, die noch teilweise in Umzugskartons, Reisetaschen, Truhen, Kästchen und Vasen verstaut waren. Beinahe hätte er sich an seiner Stehlampe gestoßen, als er enthusiastisch nach dem alten Schmuckkasten in der Ecke griff. Die funkelnden Diamanten, die er in einem Räumungsverkauf eines Second-Hand Lagers erworben hatte, durften bei seinem pompösen Auftritt an diesem Abend nicht fehlen. Diese Statement- Kette würde ein Statement setzen, oder wozu sollte sie sonst da sein? Die Clip- Ohrringe, sie selbst schon seine Oma getragen hatte, die inmitten eines goldenen Ovals einen Diamanten zur Geltung brachten, durften natürlich auch nicht fehlen. Doch das, was er eigentlich suchte, schien fürs erste in den Tiefen seiner Kleiderstapel und Kistenansammlung verborgen zu bleiben.
„Eines Tages wird deine Schwester wundervoll in diesem Kleid aussehen. Damals als ich dieses Kleid kaufte, wusste ich, dass ich es für einen ganz besonderen Anlass tragen werde, denn das Kleid repräsentiert mich und meinen Körper so wie ich mich liebe. Sie wird dieses Gefühl in Ehren halten. Diese Selbstliebe ist mein Schlüssel zur Unabhängigkeit geworden, denn vorher war ich nur eine verformte Stimme derer, die mich dazu zwangen, etwas zu sein, was ich nicht war. Simay und du, Ari, sollt euch niemals davon beeinflussen lassen, hörst du?“, sagte seine Mutter zu ihm als sie gemeinsam ihre Kleidung an die Kleiderstangen hingen, die provisorisch in ihrer viel zu kleinen Wohnung aufgestellt waren. Aris Mutter war eine leidenschaftlich glückliche Frau, die schwer aus der Bahn zu werfen war, aber die Trennung von seinem Vater, setzte ihr so sehr zu, dass sie an schlechten Tagen auch vor den Kindern weinte, was sie sonst strengsten vermied. „Mama? Warum kann ich das nicht tragen?“, fragte Ari seine Mutter daraufhin. Verblüfft schaute seine Mutter ihn an und war für ein paar Sekunden ratlos, was sie darauf antworten sollte. „Warum solltest du das tragen wollen Ari?“, wich sie seiner Frage mit einer Gegenfrage aus. „Warum ist das Kleid nur für Simay? Das ist doch unfair, wenn sie sich selber lieben und bewundern darf in diesem Kleid und ich nicht.“ „Da hast du Recht mein Schatz. Aber du bist ein Mann..Männer tragen keine Kleider und wenn sie das tun, werden sie ausgelacht oder gemieden. Männer dürfen sich in Kleidern nicht lieben.“, antwortete seine Mutter und wurde danach ganz still. Dieses Gespräch wanderte durch Aris Kopf, während er nach dem Kleid suchte. Sein 13- jähriges Ich verstand damals noch nicht, warum er kein Kleid tragen konnte, ohne gesellschaftlich dafür verurteilt zu werden. „Ehrlich gesagt verstehe ich es heute immer noch nicht. Ich werde dafür anerkannt, was ich mit Pinseln auf Gesichter malen kann. Wenn ich meine Welt dann mit den gleichen Farben um mich herum anmalen möchte, dann können es die Leute nicht mehr einordnen. Der macht etwas, was niemand erwartet? Das muss abnorm und damit für mich einschränkend sein, weil ich vielleicht erkenne, dass meine Norm nicht bunt genug ist, um damit glücklich zu sein „, kam es Ari in den Sinn, während er die nächste Kiste durchwühlte. Er wollte schon beinahe das Suchen aufgeben und hatte sich schon überlegt sein Erspartes für ein selbstausgewähltes Kleid auszugeben, da bemerkte Ari die längliche Kiste hinter dem blauen Stuhl. Hektisch riss er das Paketband mit seinen Händen auf, was erst nach einigen Versuchen klappt. Als er die beiden Seiten des Kartons aufklappte lag das Kleid sorgfältig zusammengelegt auf der Pappe. Wie auf einer Bahre wurde es mit Verzweiflung und Abschiedsschmerz in diesen Karton gelegt, um nie wieder angerührt zu werden. Tief vergraben, in den Tiefen einer Kartonschlucht, obwohl es vielleicht die Strickleiter ins Licht sein könnte. Behutsam hob Ari das Kleid aus dem Karton, betrachtete es ehrfürchtig in Andenken an seine Mutter und zog sich um. Der blaue Stoff schmiegte sich an seinen muskulösen, aber zierlichen Körper. Zwar konnte er nicht mit der Hüfte seiner Mutter dienen, aber der elegante Tüll- Rock konnte das gut vertuschen. In dem Rock waren kleine Glitzersternchen verarbeitet, die keinen grellen, sondern einen dezenten Schimmer bewirkten. Das Kleid war hochgeschlossen, sodass die diamantene Statement- Kette auf dem Blau wirken konnte. Die schwarzen Pumps verschwanden unter dem Kleid.
Die Musik des Plattenspielers spielte noch im Hintergrund, doch Ari hatte sie in seiner intensiven Suche nach dem Kleid ausgeblendet. Erst jetzt, wo er sich im Spiegel betrachtete, Erinnerungen in seinem Kopf abspielte und sich eine Aufregung in ihm entwickelte, bemerkte er die sanften Schallwellen der Musik. Langsam bewegte er seine Hüften zu dem Song und fühlte sich in das Kleid hinein, das für seine Mutter ein Symbol der Stärke gewesen war. Er fühlte sich selbst mehr als je zuvor in diesem Kleid. Er fühlte sich komplett mit seinem künstlerisch verziertem Gesicht, seiner exzentrischen Kleidung und dem auffälligen Schmuck. Das war seine Vorstellung von sich selber. Immer fließender wurden seine Tanzbewegungen und er schloss die Augen dabei, um ganz bei sich zu sein bevor er am Abend in der Menge sein Inneres nach Außen tragen würde.

Der Ballsaal war 30 Minuten mit der U-Bahn von seiner Wohnung entfernt. Ari war stolz darauf durch seinen Job an solch einem pompösen Event teilnehmen zu können. Er fühlte sich wie vor einem großen Bühnenauftritt. Er fühlte sich in seine Kunden hinein, die vor ihren Auftritten teilweise sehr nervös, hibbelig und ungeduldig bis gereizt waren oder die tiefen entspannt ihre gewohnte Routinen durchgingen und in Plauderlaune waren. Jeanette war eine von den Profis. Ari lernte sie bei einer Talkshow kennen, wo sie primär ihren neuen Film „Hungry – Gelüste der Finsternis“ vorstellte. Sie wirkte an dem Tag sehr niedergeschlagen und desinteressiert an dem, was um sie herum passierte. „Bist du zufrieden mit dem Look?“, fragte Ari, der es selber etwas seltsam fand, dass sich im Showgeschäft automatisch geduzt wurde.
„Der Look ist fantastisch Ari. Ari, ist doch richtig oder?“, fragte Jeanette ohne sich im Spiegel anzuschauen. Sie schaute zwar hinein, fokussierte ihr Gesicht jedoch nicht, sondern starrte ins Nichts. „Ja Ari ist richtig. Ich habe das Gefühl dir gefällt der Look nicht“, entgegnete Ari. „Es hat nichts mit dem Look zu tun. Ich bin einfach nicht gut gelaunt und muss gleich aber gut gelaunt sein, worauf ich mich mental versuche einzustimmen“, antwortete Jeanette. Ari und sie verwickelten sich in ein Gespräch, als Ari vorsichtig nachfragte wie es ihr denn privat ginge oder ob es Probleme bei dem Film gab, den er persönlich sehr gut fand, ohne Thriller zu mögen. Jeanette schien überrascht, dass ihr Nachfragen zu ihrer Person gestellt wurden und ließ sich nach einem „Du hast wirklich eine direkte Art“ auf Ari ein. Sie unterhielten sich als wären sie zu zweit im Backstage, obwohl im Hintergrund unzählige Menschen umherwuselten, ihr Manager Thomas immer mal wieder Aris Werk überprüfte und Jeanette mit Planungen und Terminen zu textete. Bevor die Talkshow startete, fragte Jeanette ihn an, ob er nicht ihr Make-Up Artist für ihr nächstes Charity Event werden könnte. Ari war sofort einverstanden und war die nächste Woche bei Jeanette Zuhause in ihrer Stadtvilla, um sie zu schminken. Dort waren sie beim Reden ungestörter und Jeanette erzählte ihm, dass ihr Verlobter sich von ihr getrennt hatte. Er käme mit der medialen Aufmerksamkeit nicht zurecht, die er unterschätzt hatte vor ihrem Durchbruch, der ihr vor einem Jahr gelungen war. Ihr Gatte wäre müde und könne ihr kein Standbein in der Zukunft sein, auch wenn er sie liebe. „Dieser Lappen, ehrlich. „Ich stehe zu dir, egal was komme“ und dann lässt er mich hängen, bevor überhaupt mit mir etwas passiert. Mich hat er nie gefragt wie ich mit der plötzlichen Bekanntheit zurecht komme. Schon als Kind wollte ich Star werden und habe die Aufmerksamkeit geliebt, aber das heißt noch lange nicht, dass es mich an manchen Tagen nicht schlaflos im Bett liegen lässt.“, vertraute Jeanette sich Ari an. „Wir hatten uns unsere Hochzeit in einem Ballsaal ausgemalt mit dem Thema Barock. Oder doch lieber ein Maskenball? Wir waren noch in der Findungsphase bis wir dann nichts mehr zusammen gefunden haben. Ich wollte aus meiner Hochzeit ein Erlebnis machen – eine richtige Show, die niemand vergessen wird. Jetzt, wo ich keinen Mann mehr habe, muss die Hochzeit aber leider ausfallen. Schade um die coole Idee.“ „Und was wäre, wenn du trotzdem einen Ball veranstaltest? Wenn du selber ein Charity Event auf die Beine stellst oder ein anderes Event?“, schlug Ari vor. „Was für eine fantastische Idee!“, rief Jeanette begeistert aus, “ ich habe bald meinen 30. Geburtstag, das wäre doch ein passender Anlass! Ich brauche keine Hochzeit, um zu feiern! Mein Geburtstag ist Grund genug. Das ist wirklich die beste Idee, die ich seit langem gehört habe. Du bist ein echt kreativer Kopf.“ Zwei Monate später landete dann Jeanettes Einladung in Aris Briefkasten, der erstaunt war, dass sie seine Adresse kannte. Sie hatte ihn doch tatsächlich eingeladen! Er war überglücklich und fühlte sich selbst wie ein Star, der auf ein riesiges „Happening“ gehen konnte.

Er stand vor einem riesigen Tor, dessen Flügeltüren einladend offen standen. Der Gang führte ihn in eine Eingangshalle. Die korinthischen Barock typischen Säulen ließen den Eingang edel und wichtig wirken. Überall wurden riesige Blumensträuße drapiert, die die weiß- goldene Farbgebung mit kräftigen Farben wie rot, blau, gelb, lila und einem zarten Rosa ergänzten. Der riesigen, goldenen Kronleuchtern konnte allerdings nicht mal von den Kunstfiguren die Show gestohlen werden. Am Ende der Eingangshalle standen wichtige Männer im Anzug, vor denen ein kleiner Tisch stand, worauf eine Liste lag. „Ari Elvan“, sagte Ari in die Richtung der Männer, die ohne etwas zu sagen die Liste durchkämmten und schließlich seinen Namen fanden. Er durfte nach skeptischen Blicken auf seinen Bart und dann auf das Kleid passieren. Ari ignorierte die abwertenden Blicke der Männer. Er versuchte sich auf den Moment zu konzentrieren. Hatte Jeanette ihn wirklich zu einem Event eingeladen oder spielte er gerade in einem Film mit? Es fühlte sich für Ari surreal an aus seiner Karton gefluteten 2-Zimmer Wohnung in diese geradezu königlichen Verhältnisse eintauchen zu können. Die meisten von Jeanettes Gästen waren wahrscheinlich selber gut betucht, erfolgreich in der Kunst des Schauspiels, vielleicht haben sie auch reich geerbt oder haben ein Unternehmen übernommen. Ari war ein guter Maskenbildner und Make-Up Artist, aber es war kein Geheimnis, dass man damit nicht reich wird.
Fürs erste musste Ari sich in der Menschenmenge erstmal zurecht finden. Er wollte Jeanette finden, ihr zum Geburtstag gratulieren und ihr sein kleines Geschenk überreichen.

Auf der Tanzfläche war es um die Uhrzeit noch spärlich besiedelt, während es an den Tischen, an der riesigen Bar und in den Ecken des Saales nur so tummelte. Es gab auch einen Ausgang zu einem riesigen Hintergarten, der zu dem alten Ballhof gehörte. Ari hatte eine gute Intuition, denn eine große Menschentraube stand draußen, aus der Jeanette mit ihren fast 1,90m herausragte. „Jeanette!“, rief Ari und kämpfte sich erfreut durch die Menschen hindurch. Als sie Ari sah, lächelte Jeanette und in ihren Augen war die Freude klar zu erkennen. „Ari mein Lieber. Schön, dass du gekommen bist“, begrüßte sie ihn und drückte ihn. „Fantastisches Outfit, aber ich habe ehrlich gesagt nichts anderes erwartet und das Kleid! Du musst aber gleich deine Maske noch aufsetzen. Das macht alles mysteriös und spannend. Denn erst, wenn du es willst, zeigst du dem anderen dein „wahres Gesicht“.“
Jeanette fing an zu kichern und fügte noch hinzu: „Ich habe teilweise Leute hier eingeladen, die ich gar nicht kenne. Es kann quasi ein „Blind Date “ entstehen, wenn der Zufall so will. Let’s have some fun tonight.“ Sie zwinkerte Ari zu und schubste ihn in Richtung Bar. Sie löste sich aus ihrer Menschentraube und folgte Ari, der von ihr zu den Cocktails gelozt wurde. „Ich kannte bisher keinen Mann, der sich trauen würde, in so einer Abendgarderobe aufzutauchen. Ich bin wirklich begeistert und tatsächlich neidisch auf deine wunderschöne Kette. Wo hast du die her?“, verwickelte Jeanette ihn in ein Gespräch. Sie redeten über ihre Lieblingsschmuckstücke, über Designer/innen und über ihre aktuellen Serien, die sie schauten. Wie bei ihrer ersten Begegnung vor der Talkshow war Jeanette sehr gefragt und immer wieder kamen Leute zu dem Gespräch dazu, gratulierten ihr oder wollten nur kurz mit ihr anstoßen.


Als sie nach längeren Unterbrechungen Zeit hatten zu reden, kam Jeanette wieder auf das Kleid zurück, fasste den Tüll bewundernd an. Ari erzählte ihr, woher er das Kleid hatte. Er erzählte ihr sogar, dass seine Mutter ihm das Kleid auf ihrem Sterbebett gegeben hat. Seine Schwester konnte das damals nicht nachvollziehen, warum sie das Kleid nicht bekommen hat, was einen ziemlichen Keil zwischen Simay und Ari getrieben hat. Beide waren sehr nah an dem Herzen ihrer Mutter.
Sie fingen an über Männer- und Frauenbilder.
„Weißt du, ich bin es echt leid in der Öffentlichkeit darauf achten zu müssen, nicht das exzentrische Ich zu sein. Auf der Arbeit würde das wahrscheinlich eher toleriert werden, da es dann „Teil meines Jobs“ wäre und sicherlich als „Kunstfigur“ wahrgenommen werden würde, dabei bin das ich. Und automatisch wird dann von mir gedacht, dass ich eine Frau sein möchte, aber das stimmt nicht. Ich habe meine Identität als Mann angenommen, aber ich mag es eben „weibliche Kleidung“ zu tragen. Wer hat das überhaupt festgelegt, dass Männer keine Kleider oder Röcke tragen dürfen und auch Schmuck nicht. Diese Schätze muss ich mir verwehren, weil es festgelegt ist, was es bedeutet Mann oder Frau zu sein?“, sagte Ari und runzelte die Stirn, “ Ich bin etwas dazwischen.“
„Diese Art der Ausklammerung ist in jeder Lage schmerzhaft. Warum schreibt die Gesellschaft einem vor wie die Norm auszusehen hat? Wahrscheinlich trifft die festgelegte Norm nicht mal auf die Leute zu, die sie etabliert haben. Es stellt für die Gesellschaft eine Gefahr dar bunte Paradiesvögel wie dich zu sehen, weil sie daran erinnert werden wie grau ihre Welt im Vergleich zu deinen bunten Farben ist. Deswegen muss deine Farbe weg, damit du grau in grau lebst. Die Männer- und Frauenbilder erhalten alte Muster aufrecht, um Sicherheit zu gelangen, über das, was richtig und falsch im Leben ist“, sagte Jeanette und nippte an ihrem Cocktail. „Und dann fragen Sie sich, warum die meisten Menschen heutzutage unglücklich sind und alles hinterfragen, was sie anfangen. Liegt, es vielleicht daran, dass niemand sich mehr traut sein wahres Ich nach Außen zu tragen?“, fügte Ari hinzu und musste danach zynisch lachen. Jeanette stimmte ihm mit einem „JAAA! Da hast du Recht. Warum glücklich sein, wenn das grau viel einfacher zu handhaben ist?“ zu und prustete danach los. Der Alkohol hatte sowohl bei Ari als auch bei Jeanette seine Wirkung entfaltet, sodass die beiden lauter sprachen und bei manchen Sätzen zu nuscheln begannen, während sie sich in der Debatte verstrickten. „Du Ari..? Ich glaube ich muss langsam mal das schhtille Örtschen aufsuchen. Ens..enschuldige mich bitte“, sagte Jeanette ein wenig zu laut. Ari nickte und bestellte sich ein Glas Wasser, damit das lustige Kribbeln in seiner Hand, was er von Alkohol bekam, sich nicht ausbreiten konnte und ihn zu betrunken machen würde. Er rückte seine Maske zurecht, sodass sein gewollter Drei-Tage Bart vollends verdeckt war. Jeanette war schon eine ganze Weile weg und erst jetzt fragte sich Ari, ob sie ihn überhaupt wiederfinden würde. Gleichzeitig mit dem Gedanken, setzte sich ein drahtiger Mann auf den Stuhl neben ihn. „Der ist leider schon besetzt“, sagte Ari höflich und lächelte den Mann unter seiner Maske entschuldigend an. „Wenn der Stuhl schon besetzt wäre, würde dann hier nicht jemand sitzen?“, provozierte der Mann Ari direkt mit seiner ersten Frage. „Jeanette ist gerade auf Toilette, kommt aber gleich wieder“, entgegnete Ari ruhig. „Die Gastgeberin höchstpersönlich? Aber mit Verlaub – ich glaube sie wird nicht wiederkommen. Und wenn sie es doch tut, dann räume ich sofort den Platz. Genau so wie es sich für einen Gentleman gehört, versprochen. Aber wie unhöflich von mir, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Mein Name ist Henry Duronde. Wie heißen Sie junge Dame?“, fragte Henry, der schon leicht angetrunken wirkte. Ari fragte sich ob der eher unscheinbare, aber attraktive Mann auch ohne den Alkohol so mutig gewesen wäre und ihn provoziert hätte. „Ich bin zwar keine junge Dame, aber mein Name ist Ari Elvan“, sagte er bestimmt. „Frauen werden wohl niemals aufhören das Alter als Verlust, anstatt als Bereicherung und Reifung anzusehen“, entgegnete Henry und Ari wollte ihn mit „Aber ich bin keine Frau“ verbessern, aber Henry bestellte sich in dem Moment seinen nächsten Drink. „Möchtest du auch noch was trinken, Ari?“, fragte Henry und schaute ihm dabei tief in die Augen. Er hielt sich selbst für einen Charmeur und strahlte eine gewisse Arroganz aus, die Ari jedoch nicht abstoßend, sondern interessant fand. Hinter der Arroganz versteckte Henry eine Verletzlichkeit, die Ari meinte zu spüren. Sein Interesse war geweckt, aber wie sollte er Henry klar machen, dass er ein Mann ist. Ari entschied sich das Gespräch vorerst weiterzuführen und bei einem passenden Moment ihn darauf hinzuweisen, dass er als Mann ein Kleid trägt. Erkannte Henry denn seine etwas tiefere Stimme gar nicht oder ignorierte er es, weil das Bild einer Frau hinter der Maske sich in seinem Kopf so verfestigt hatte? In dem Sinne „Man hört nur das, was man hören will“? Sah Henry das, was er sehen wollte?

Nachdem Henry und Ari sicherlich schon eine ganze Weile miteinander sprachen, fiel Ari erst auf, dass er Jeanette schon eine Ewigkeit nicht mehr gesehen hatte. Henry hatte Recht – sie würde wahrscheinlich nicht wiederkommen. Mit der Zeit war sowohl Henry als auch Ari angetrunken und die beiden kicherten wie kleine Schuljungs über Geschichten des Gegenüber. „Was machst du für verrückte Dinge, Ari?“, fragte ihn Henry aus dem Nichts. „Ich mache gar nicht so verrückte Dinge“, gab Ari zu.
„Es ist verrückt, dass ich hier bin und ich fühle mich gerade wie in einem Agentenfilm. Die sind meistens auch auf Maskenbälle, um ihre Identitäten zu überspielen. Sie spielen unbemerkt miteinander „, spann Ari sich eine Geschichte zusammen. „Weißt du was ich als Agent jetzt machen würde?“, fragte Henry. Ari schüttele den Kopf. “ Er würde seine bezaubernde Begleiterin zum Tanz auffordern“, sagte Henry, stand auf und hielt Ari seine Hand hin. Ari hatte zwischenzeitig vergessen, dass Henry ihn für eine Frau hielt. Henry gefiel ihm auf eine Art und Weise und Ari würde gerne mit ihm tanzen. „Ich bin keine..“, setzte Ari an, doch Henry unterbrach ihn direkt. „Gute Tänzerin? Das ist mir egal. Ja oder nein?“, fragte er ihn. Ari gab es auf und dachte: „Ist es eine egoistische Entscheidung es zu verheimlichen und Spaß zu haben? Und würde es ihn verschrecken, wenn er merkt, dass ich ein Mann bin? Andererseits wollte ich es ihm sagen, nur er hat mir nicht zugehört!“ Ari legte seine Hand in Henrys und sie beschritten die Tanzfläche. Der Abend war weit fortgeschritten und auf der Tanzfläche waren die meisten Gäste anzutreffen. Es wurde ausgelassen getanzt. Einige Paare tanzten harmonisch Paartänze, während andere im „Freestyle“ zur Musik leidenschaftlich ihre Hüften schwangen. Henry führte Ari wie einen König auf die Tanzfläche, verbeugte sich und fasste Ari um die Hüften, um ihn über das Parkett zu wirbeln. Für einen kurzen Moment fühlte sich Ari, als wäre er mit Henry alleine in seiner kleinen Wohnung und würde seinem Plattenspieler lauschen. Um ihn herum tobte das Leben, aber er konnte sich ganz auf die weichen Bewegungen seiner Beine und auf die Musik einlassen. Henrys warme Hände führten ihn durch die anderen Tanzpaare ohne ein Stocken hindurch. Ari malte sich aus wie Henry unter der Maske wohl aussehen würde. Was wäre, wenn er keine Zähne hätte? Oder was ist, wenn er kalte Gesichtszüge hätte? Ari versuchte das Bild in seinem Kopf zu verwerfen. „Blind Date extrem“ hatte Jeanette die Erfahrung genannt. Würde es Henry erfreuen, wenn er wüsste, dass er nicht die schönste Frau des Abends zum Tanzen aufgefordert hatte, sondern den schönsten Mann?

Verschwitzt, aber glücklich gingen Henry und Ari nach ihrer Tanzeinlage in den Garten. Ari hatte noch nie mit einer fremden Person an einem Abend so viel Zeit verbracht. Draußen auf der Terrasse, die einen wunderschönen Blick auf den beleuchteten Garten und auf den Sternenhimmel bot, waren nur ein paar Personengruppen. Die eine Frau hatte sogar eine Barock Perücke aufgesetzt. Ihr Make- Up war eine Wucht. Begeistert sprach Ari die Frau an, was sie für ein schönes Make- Up habe und welche Palette sie dafür benutzt hätte. Er kam mit ihr ins Gespräch und Henry unterhielt sich mit ihrem Begleiter. Die Zeit verging und es musste schon spät in der Nacht sein.
„Soll ich uns einen Champagner holen?“, flüsterte Henry Ari ins Ohr, während er der Barock- Perücken- Frau gerade über seine Wohnung sprach. Warum nicht? Ari ließ Henry den Champagner holen. Als dieser mit dem kalten Getränk wiederkam, stellte er sich direkt vor die Frau und fragte als wäre er tatsächlich James Bond: “ Hättest du was dagegen, wenn ich dir Ari einmal kurz entführe?“

Sie gingen nur ein paar Meter weiter. Die klaren Worte der anderen Gäste verwandelten sich in ein undefinierbares Gemurmel, sodass die beiden ungestört reden konnten. „Ich fand den Abend wirklich wunderschön“, begann Henry, der ein wenig nervös zu sein schien. „Auf uns“, sagte er und hob sein Glas mit Champagner zum Anstoßen. Das Glas klirrte und die beiden nahmen einen Schluck. Ari war das ganze etwas unangenehm und er wusste nicht, was er sagen sollte. Henry ging ganz schön vorwärts mit seinen Flirtversuchen, was hatte vor? „Ich würde gerne dein Gesicht sehen“, äußerte Henry seinen Wunsch. „Es ist doch mit Absicht ein Maskenball“, entgegnete Ari, der immer noch nicht bereit war seinen schönen Abend gegen einen potentiell unschönen Abend einzutauschen. „Hast du etwas Angst, du würdest mir nicht gefallen? Oder hast du keine Zähne?“, witzelte Henry und kam Ari einen Schritt näher. Zögernd ließ Ari ihn gewähren. Würde der Alkohol seine Reaktion lindern oder verstärken? War Henry vielleicht doch homosexuell und wollte ihn nur zittern lassen? Henry versuchte Ari weiter zu überzeugen seine Maske abzunehmen. „Wieso nimmst du deine Maske nicht zuerst ab? „Wieso willst du eigentlich, dass ich als erster die Maske abnehme?“, fragte Ari, woraufhin Henry seine Maske ohne zu Zögern abnahm. Er hatte hellbraune Augen, die ihm mehr Tiefe verliehen als Ari es erwartet hätte. Seine blonden Haare, die auf dem Kopf sehr dicht wuchsen, hinterließen in seinem Gesicht nur einen Schnauzer. „Der ist überhaupt kein Schnauzer-Typ“, dachte Ari und lachte innerlich, „ aber schöne Wangenknochen hat er – Contouring hat er nicht nötig.“ Henry grinste und forderte Ari mit einem energischen „Jetzt du!“ auf. Als Ari erneut zögerte, ging alles ganz schnell. Henry fasste ihn an die Hüfte, schob seine Maske leicht nach oben und küsste Ari. So leidenschaftlich der Kuss begann, so schnell hörte er auf. Henry wich zurück und seine Pupillen weiteten sich vor Schreck. Sein Schnauzer hatte Aris Bartstoppeln berührt. „Ich bin keine Schwuchtel!“, sagte Henry laut zu sich. „Wieso hast du nichts gesagt! Ari – ein Mann in einem Tütü? Du bist eine Schwuchtel und hast versucht mich um den Finger zu wickeln. Absichtlich hast du mich getäuscht, um deine perversen Gedanken an mir ausleben zu können. DU MIESE RATTE! WIDERLING!“ Den letzten Part schrie Henry, sodass das Wort „Widerling“ im ganzen Hof nachhallte. Die Gesellschaft auf der Terrasse wurde ganz still. Das Gemurmel verstummte schlagartig.

Ari fühlte sich als würde er in seinem blauen Tüll versinken. Die Worte steckten wie ein Messer in seiner Brust und er konnte für eine kurze Sekunde nicht atmen. Als hätte er es geahnt. „Du bist der Widerling, in dem du mich mit diesen Worten verletzt! Du hast mir nicht zugehört. Hast du meine tiefere Stimme nicht wahrgenommen? Doch hast du und trotzdem hast du mich geküsst. Du hast Angst deine Männlichkeit zu verlieren, tust es aber nicht dadurch einen Mann geküsst zu haben, sondern dadurch, dass du lieber alles belässt wie es war als nachzudenken! Du Feigling!“, dachte er. Die Wut ergriff ihn. Seine Faust spannte sich an. „Du tust mir leid in deiner Einfältigkeit“, sagte Ari in einem ruhigen, bebenden Ton und verließ die Terrasse.

Henry war einer dieser Männer, die an einer Männlichkeitsstruktur festhalten, dessen Ideale keine sich liebende Männer einschloss. Es war nicht das erste Mal, dass Ari angefeindet wurde. Es wird nicht das letzte Mal sein. Der Abend war so naiv schön.
„Was hast du dir dabei gedacht?“, dachte Ari wütend, während er zur U-Bahn rannte. Keiner der umstehenden Gäste hatte etwas gegen Henry gesagt. Sie alle mussten ihm zustimmen, wenn sie nichts gegen ihn sagte. Und wo war Jeanette gewesen? Er schrieb ihr eine Textnachricht: „Deine Party wurde zu einem beschissenen Date.“
Sie war wahrscheinlich zu betrunken, um sie noch zu lesen. Vielleicht hatte sie ihr Handy sogar auf dem Klo vergessen. Er fühlte sich alleine gelassen. Das änderte sich auch nicht in seiner Wohnung. Er ließ das Kleid direkt hinter der Türschwelle von seinem Körper gleiten. Seine erste Handlung war es seinen Plattenspieler anzustellen. Er versuchte sich zu beruhigen, doch die wuterfüllten Tränen liefen ihm die Wange hinunter. Er ging von Zimmer zu Zimmer. Sollte er sich bei einem Spaziergang abregen? Dieser Typ war seine Wut nicht wert. Seine Hände griffen nach seinen Vase, in letzter Sekunde tauschte er diese gegen seine Kissen ein und warf sie auf den Boden, schrie in sie hinein, tanzte mit ihnen und boxte sie. Er dachte ans Rauchen. Auch wenn er seine Notfall-Zigaretten nie anrührte, war heute Nacht die Nacht dafür. Er legte die Kissen beiseite, kramte nach den Zigaretten, legte sich auf den Flurboden und zündete den Tabak an. Er atmete den Rauch ein und beim Ausatmen klingelte es in seiner Wohnung. Während er an die Freisprechanlage ging, überlegte er, ob er nicht einfach umziehen sollte an einen Ort, der ihn gewähren ließ. Doch wo gab es den schon? Musste er sich diesen Ort einfach selber erschaffen? „Ari ich bin’s- Jeanette“

Sie hat einige Minuten später mitbekommen, was passiert war. Sie war am Tanzen, als Henry sich als „Arschloch“ outete. Als sie auf der Terrasse angekommen war, hatte Ari sich schon auf den Weg zur U-Bahn gemacht. Sie erhielt seine Nachricht und wollte ihm direkt folgen. Doch bevor sie ins nächste Taxi stieg, ging sie wutentbrannt auf Henry zu und sprach eindringlich: „Ich will dich hier nie wieder sehen, du traurige Gestalt. Wenn du dich in aller Öffentlichkeit bei meinem geschätzten Freund entschuldigst und darüber nachdenkst, was dein Fehler war und wie diskriminierend das von dir war, dann können wir nochmal drüber reden. Das kann doch nicht wahr sein, dass du so deine Mitmenschen behandelst. Von dir würde ich mich in keinem Gerichtsprozess vertreten lassen wollen, wenn ich weiß, dass du in deinem Leben Menschen verurteilst, die eine Bereicherung für deines wären. Fuck this Party, wenn es hier homophobe Menschen gibt!“
Sie erzählte Ari davon und davon, dass sie alle, die Henry zustimmen würden, aufforderte zu gehen und sich ohne Einsicht nie wieder umdrehen sollten.
„Fuck this party without you! Er weiß gar nicht, was er durch seinen Hass verpasst. Ich bin bei dir!“
Er legte sich wieder auf den Flurboden und rauchte seine Zigarette weiter. Sie legte sich neben Ari auf den Boden, klaute sich eine Zigarette aus seiner Schachtel. Ihr Kopf ruhte auf seinem Oberarm.



Miese Kiesel

Die letzten Wochen sind mir eintönig vorgekommen. Die Uhrzeit ist mir inzwischen gleichgültig geworden, sodass ich beinahe meinen freien Tag vergessen hätte. Erst als mich Susanne fragte, was ich denn an meinem freien Tag machen würde, fiel mir ein, dass es soweit war. „Alleine Zuhause sitzen“, war mein erster Gedanke. Zuerst war der Gedanke ganz angenehm, da ich das mit „Ausschlafen“ in Verbindung brachte. Da ich aber mit hoher Wahrscheinlichkeit einen Jetlag haben werde, würde selbst das nicht unbedingt in Erfüllung gehen. Der Gedanke entwickelte sich zu einem Problem, da es für mich einige Sekunden schwierig wurde, eine vernünftige Antwort zu finden. Ja..was mache ich denn an meinem freien Tag? „Was würdest du denn machen?“, versuchte ich der Frage charmant auszuweichen. Susannes Augen fingen an zu leuchten. „Mein Mann und ich gestalten seit einiger Zeit unseren Garten um. Jetzt, wo die Kinder zu alt und zu „cool“ für das Riesentrampolin sind, kommt dort ein Teich hin. Während mein Mann den Teich in Angriff nimmt, kümmere ich mich um die Bepflanzung -sprich die Beete. Aber das ist ja eine Wissenschaft für sich..das ganze Gärtnern. Neben meiner Schaufel und meiner Harke, habe ich noch nie so häufig Gartenbücher in der Hand gehabt. Und das Gärtnern hat ja auch sowas meditatives..“, redete sich Susanne in Rage und schwärmte von ihrem neuen Hobby. Je leidenschaftlicher sie von ihren Hortensien und ihren Tomatensetzlingen redete, desto mehr schweifte ich ab. Mich überkam die Traurigkeit, weil ich für nichts einen solchen Enthusiasmus aufbrachte wie Susanne für ihr Erdreich und gleichzeitig war ich wütend, weil ich einfach allgemein zu faul bin, um irgendwas auf die Reihe zu bekommen. Der heutige Kapitän Lukas setzte zur Landung an. „Ladies and Gentleman, please fasten your seatbelts..“, hörte ich den Anfang seiner Ansprache. Susanne und ich schnallten uns an. Bei der Landung merkte ich, dass ich einen kleinen Stein im Schuh hatte. Es zwickte mich an meiner Ferse, wenn ich die Füße bewegte. Allerdings würde es sicherlich keinen guten Eindruck machen, wenn ich den Passagieren meine verschwitzen Füße entgegenstrecken würde. „Lächeln, anstatt stinken“, dachte ich.
Als alle Passagiere den Flieger verlassen haben, wir das Flugzeug nachbereitet hatten und wir uns in unserer Kabine aus den Bleistiftröcke zwängen konnten, merkte ich erst wieder, dass der Stein immer noch in meinem Schuh war. Ich hatte mich wohl an ihn gewöhnt.

Egal wohin ich gehe, da drückt etwas im Schuh. Dabei habe ich es zu Anfang gar nicht gemerkt. Später habe ich es dann ignoriert. Ich habe frei. Morgens mache ich mir entspannt einen Kaffee, nachdem ich mein Haar nach der Dusche in einen Handtuch- Turban gewickelt habe. Während ich die Maschine bediene und ich meine Frühstückssachen aus dem Kühlschrank räume, muss ich mir ab und an den Turban richten. Dort sitzt er schief und da hängt doch eine nasse Strähne aus dem Frottee- Turm raus. Meine Laune ist gut, denn ich habe frei. Was unternehme ich an diesem Tag? Ich weiß! Für die Arbeit wollte ich mir neue Brotboxen kaufen, damit ich es endlich auf die Reihe bekomme mir vernünftiges Essen mitzunehmen. Wenn ich mir die neue, gut aussehende Tupperware jeden morgen zurecht lege, will ich a) mein schlechtes Gewissen antreiben mit „Du hast dir diese Dinger gekauft, dann benutze sie gefälligst auch“ und b) mich selber mit den Boxen einladen im Sinne von „Schau mal‘ in diesen Boxen könnte dein gesunder Bulgursalat von fancyessen.com sein. Solch‘ schöne Boxen dürfen doch nicht leer bleiben“. Da fällt mir in meiner Träumerei ein, dass ich meinen freien Tag ursprünglich dafür nutzen wollte mal nicht an die Arbeit zu denken. Was mache ich nur? Ich denke kurz daran, dass ich einem guten Freund schon vor guten drei Wochen zurückschreiben wollte. Zu meiner Verteidigung: Er ist der einzige Mensch, den ich kenne, den man nur über seine E-Mail Adresse erreicht. Lorenz arbeitet den ganzen Tag am Handy – irgendwas mit Medien – und hat sich als Ziel gesetzt im Privatleben aufs Handy weitgehend zu verzichten, da er sowieso mindestens 8 Stunden am Tag auf diesen Bildschirm glotzen würde. Pop-Up Nachrichten stressen ihn allgemein. Wegen diesen Gründen geht er nur ein Mal am Tag an seinen Laptop, um seine E-Mails zu checken. Lorenz war schon immer speziell, aber ein sehr guter Zuhörer, wenn es drauf ankommt (und er seine Mails liest). Lorenz trennt Arbeit und Privatleben mehr als streng. Wie denn bloß? Mir fallen für den heutigen Tag nur Aktivitäten für die Arbeit ein, obwohl ich so dringend nicht daran denken will. Ich könnte meine Tasche für morgen bereitmachen und meine Kleidung für morgen rauslegen. Die letzten Wochen wollte ich immer mal nach Fortbildungsprogrammen schauen, wofür ich jetzt Zeit hätte. Falls mir gar nichts einfällt, könnte ich auf der Arbeit anrufen und fragen, ob ich für jemanden einspringen soll. Was ist nur los mit mir?

Ich versuche der Sache auf den Grund zu gehen. Wann hat das eigentlich angefangen, dass ich nur noch an die Arbeit denke? Ich meine so spannend ist mein Job jetzt auch wieder nicht, dass es das wert wäre jede freie Minute an ihn zu denken. Vor gut einem halben Jahr habe ich das Flugunternehmen gewechselt, da ich weder mit der Crew, noch mit der Bezahlung einverstanden war. In meinem neuen Unternehmen sollte sich das ändern, was es auch hat. Ich kann mich glücklich schätzen mit meiner neuen Stelle und doch fehlt das Glücksgefühl, was ich aus anderen Zeiten kenne. Das warme Gefühl von Zufriedenheit setzt in meiner häuslichen Umgebung komplett aus. Eher träge trage ich mich durch meine Wohnung und an manchen Tagen drücke ich sogar den Telefonanruf meiner Schwester weg, weil ich niemanden mehr hören oder sehen will. Das einzige, was mich aufrüttelt, ist mein morgiger Wecker, der mir meinen Arbeitsbeginn vor Augen führt. Auf der Arbeit empfinde ich sogar ernsthafte Freude in mir, wenn ich mit Kollegen oder auch Passagieren lache, aber kaum trage ich meine Privatkleidung und löse den streng sitzenden Dutt, dann löst sich auch die Freude wie in Luft auf. Auf die Uhr gucke ich nur, wenn der Wecker klingelt, da ich den Rest des Tages quasi einstudiert habe. Auch wenn es jeden Tag neue Situationen gibt, fühlt es sich doch so gleich an. Ist es das, wovon depressive Künstler in ihren Romanen schreiben? Alles wird als monoton und zwanghaft dargestellt. Die Farben sind dunkel oder matschfarbend und der Protagonist ist in einer Endlosschleife gefangen, aus der er nur durch die Veränderung seines Weltbildes durch eine Erkenntnis, die er auf sich Selbst übertragen kann, entkommt. Viel zu kompliziert das Ganze. Aber was muss ich erkennen, um meine Gefühlshaushalt regulieren zu können? Außerdem will ich meinen Alltag nicht ändern, da ich gut zurechtkomme. Ich habe das Gefühl mir kommen die Wochen monoton vor, weil meine Gefühlswelt monoton geworden ist. Es sind nicht die Aktivitäten und die Routinen, die mir vorkommen wie ein Einheitsbrei, sondern meine Gefühle. Wie ändere ich mein Inneres, ohne das Drumherum verändern zu wollen? Das scheint selbst mir eine unmögliche Idealvorstellung zu sein.
Ich fange an meine Kleidung zusammenzulegen und staubzusaugen. Dadurch, dass meine Wohnung für mich eine Art Durchgangsraum geworden ist, liegen überall meine Socken, Hosen und Pullover auf den Möbeln. Beschämender Weise habe ich auch einige Teller unter meiner Couch gefunden. Früher war ich mal ordentlich. Als die Möbel freigeräumt und der Boden gestaubsaugt war, setze ich mit einer Chipstüte auf meinem Balkon. Der BBQ Geschmack erinnert mich an einen Grillabend mit meinen Freunden. Wir haben Karinas Abschied gefeiert, da sie vor einem Jahr nach Amerika ausgewandert ist. Sie hat ein Auslandssemester in den Staaten gemacht, wo sie ihren jetzigen Partner an der Universität kennengelernt hat. Rian war einer der Leute, die den „Ersti-Tag“ für die Neuankömmlinge in ihrem Studiengang gestalteten. Karina sei ihm das erste Mal aufgefallen, als sie während der Kneipentour mehrmals Aschenbecher hat mitgehen lassen, was einem Barkeeper aufgefallen ist und sie beinahe an ihrem 3. Tag in den USA eine Anzeige wegen Diebstahls bekommen hat. Einen positiven ersten Eindruck konnte man das wohl nicht nennen! Aber sie scheint das Ruder noch herumgerissen zu haben, sonst wären die beiden jetzt wohl kaum verlobt. Karina war meine beste Freundin, die mich früher immer motiviert hat unter Leute zu gehen, um die Ernsthaftigkeit und die Verklemmtheit meines Lebens für einen Abend vergessen zu lassen. Sie fehlt mir. Ihre hitzige und enthusiastische Art fehlt mir. Lange hatte ich nicht mehr an sie gedacht, denn irgendwie drücke ich mich davor mir einzugestehen, dass sie tausende Kilometer entfernt von mir ist. Vermisst sie mich überhaupt? Meine gute Laune kracht zusammen wie ein kleines Paddelboot auf der turbulenten See. Ich habe keine Chance aktiv gegen diese depressive Stimmung anzukämpfen, wenn ich mich von dem erstbesten Gedanken schon aus der Bahn werfen lasse. Sollte ich vielleicht auch Tomaten auf meinen Balkon pflanzen wie Susanne? Ist es das, was ich dringend brauche – ein Hobby, dass mich mit Leidenschaft erfüllt?

Stunden des endlosen Grübelns sind vergangen und ich sitze immer noch auf meinem Balkon. Die Chipstüte umklammere ich als wäre sie lebensnotwendig. Sieht dieses Bild in Realität genauso jämmerlich aus wie ich es mir vorstelle? „Und dann noch dieses Selbstmitleid…jetzt reiß dich mal zusammen!“, rufe ich von meinem Balkon in den Himmel. Ich stehe auf, schmeiße die Chipstüte in den Mülleimer und schnappe mir die übergroße Ikea- Tasche, die ich unter dem Taschenhaufen neben meiner Haustür begraben hatte. Diese Durchgangswohnung sollte nun meine Wohnung werden, denn wie kann ich denn anfangen zu leben, ohne einen Ort dafür zu haben? Ich bin weder ein Freigeist noch ein spiritueller Mensch – in der Ruhe liegt nicht die Kraft und in der Freiheit liegt nicht mein Zuhausegefühl. Ich brauche ein festgelegtes Zuhause, wo ich mich sicher fühlen kann und mich auch alleine geborgen fühlen kann. „Du kaufst jetzt Pflanzen, Bilderrahmen, schöne Kissen, Kerzenständer mit dezenten Kerzen, einen Teppich und alles passende Dekogedöns, was dir auch nur im entferntesten gefällt“, rede ich mir selber ein, denn eigentlich finde ich es unnötig für Dekoration Geld auszugeben. Wenn ich eh nie Zuhause bin, dann brauche ich auch keinen Teppich, der mir beim Staubsaugen nur im Weg ist oder wo ich im schlimmsten Fall noch einen Aufsatz für den Staubsauger kaufen muss, damit der Teppich haarfrei wird. Aber vielleicht sind es diese Details in meinem Leben, die mir gefehlt haben und die mich so leer fühlen lassen haben. Ein Versuch ist es mir definitiv wert, solange ich meine Laune konstant auf diesem Level halten kann. Ich darf bloß nicht an die Arbeit, an Karina oder an meinen Neid auf Susannes Gartenliebe denken. „Let’s get broke and wasted!..Nur ohne Party, ohne Drogen und ohne Sozialkontakte“, denke ich noch bevor die Tür ins Schloss fällt. „Aber wasted bin ich schon und broke werde ich nach der Shoppingtour sein“

Mehrere Stunden hatte ich mich durch Ikea gekämpft. Ich habe nur von einem Gang bis in den nächsten gedacht und einfach alles eingepackt, was mir spontan gefallen hat. Die Duftkerzen zum krönenden Abschluss dürfen natürlich auch nicht fehlen. Dieser Limetten-Hibiskus-Kokosnuss Duft hatte mir in meinem bisherigen Leben anscheinend so sehr gefehlt, dass ich nun meine ganze Wohnung damit – wie meine Oma sagen würde- „zu müllen“ könnte. Mir gefällt prinzipiell an dieser Shoppingtour rein gar nichts. Weder wollte ich mit fremden Menschen einen Gang teilen, noch konnte ich mich für Dekorationen begeistern. Ich versuche mir einzureden wie stolz ich auf mich sein kann, dass ich meine „Comfort- Zone“ verlassen habe und mich in das wirkliche Leben eines funktionierenden Erwachsenen gestürzt habe. Das belächle ich unmittelbar nach dem Gedankengang. Welcher wirklich reflektierte Erwachsene kauft sich Dekorationen für seine Wohnung, obwohl er sie nicht braucht, nur um die Unzufriedenheit mit dem eigenen Gefühlsleben zu verdrängen? Erwachsen würde das meine Oma sicherlich nicht nennen und ich auch nicht. „Mut zu sprechen kann ich mir wirklich gut!“, denke ich, während ich in der Kassenschlange stehe und auf meine Ausbeute schaue. In Trippelschritten hänge ich dem Vordermann auf den Fersen. Erst kurz vor dem Kassenband merke ich, dass ich wie gestern einen kleinen Stein im Schuh hatte. Warum ist mir das denn nicht früher aufgefallen? Bei der Bettenausstellung hätte ich mich wunderbar hinsetzen können und den Stein unbemerkt entfernen können. In der Warteschlange meinem Vor- der Hintermann eine Geruchsprobe von meinem Käsefuß zu geben, hatte ich dann doch nicht vor. Na toll. Jetzt muss ich bei jedem Schritt diesen kleinen Stein, der auf meinen Ballen drückt, ertragen, der erstaunlich viel Schmerzen verursachen kann (für seine Größe). Ist es denn Zufall an zwei Tagen hintereinander einen Stein im Schuh zu haben? Ich fühle mich vom Pech verfolgt. Einerseits ist es albern zu denken ein Stein im Schuh ist ein schlechtes Omen wie z.B. wenn einem eine schwarze Katze über den Weg läuft, andererseits passt es zu meiner aktuellen Lage besser als ich es möchte. Treibt mich meine Unsicherheit nun zum Aberglauben?
Das einzige, was mich wirklich aufheiterte und mir entgegen dem Stein-Dilemma neue Energie gab, war der gute Hot-Dog, den ich mir nach dem Bezahlen schneller als nötig in den Mund stopfe.
Erst als ich den Kofferraum meines Autos erblickte, in dem das pure Chaos herrschte, verging mir mein Hot-Dog Lächeln wieder. „Wie soll ich den ganzen Scheiß da nur reinstopfen?“, frage ich mich laut. Erstmal muss ich die Sitze umklappen. Ich versuche den Kofferraum so weit wie möglich aufzuräumen und immer wieder zwickt mich der kleine Stein dabei in den Fuß. Jetzt wäre es einguter Zeitpunkt ihn zu entfernen. Ich setze mich auf den einen umgeklappten Sitz und schmeiße den Stein in das Beet, das den Parkplatz umrandet. Ich halte einen Moment inne und schaue auf die graue Wolkendecke. Man habe ich Lust Tetris mit Dekorationen in meinem Auto zu spielen. Nach einer Minute Sitzzeit und Fluchen über diese dumme Idee, raffe ich mich auf und hieve die Pflanzen, Kerzen, Teppiche, die eine Kommode, Bilderrahmen und Lampen ins Auto. Als ich nach gefühlten Stunden den Kofferraum schließen konnte, atme ich tief durch und schiebe den Wagen zurück an die Wagensammlungsstelle – oder wie heißt dieser Ort? Hinterm Steuer muss ich wieder eine Minute durchatmen. Ab nach Hause!

„Jetzt bin ich genauso wasted wie vorher und ich habe es nicht einmal geschafft richtig broke zu werden“, denke ich. Insgeheim bin ich froh darüber, weil es das auch nicht wert wäre. Es dämmert langsam und normalerweise würde ich jetzt anfangen zu kochen, aber das würde sich heute verschieben. Ich beginne damit die Teppiche, die ich für Wohn- und Schlafzimmer gekauft habe, abzusaugen. Und siehe da: Es geht mit meinem schon vorhandenen Staubsauger- Aufsatz reibungslos. Ich bringe die neue Stehlampe ins Wohnzimmer und positioniere die Töpfe mit den Pflanzen auf meinen Tischen. Nach und nach wird es wohnlicher wie ich finde. Die Duftkerzen verteilen ihren Duft schon in meiner Wohnung, ohne dass ich sie anzünde. Die Bilder stelle ich erstmal an die Wände, da ich zu faul bin in den Keller zu gehen, um das Werkzeug zu holen. Ich setze mich auf mein aufgeräumtes Sofa. Was für ein seltsames Gefühl, dass die Wohnung inzwischen aussieht, als wäre ich wieder ordentlich und als würde in dieser Wohnung tatsächlich jemand WOHNEN. Und jetzt? Wo ist meine bahnbrechende Erkenntnis? Ist jetzt, wo der Stein aus meinem Schuh entfernt wurde, das schlechte Omen beiseite gelegt? Jetzt kann ich Grübeln bis zum Morgengrauen, mir was kochen..einsam und alleine Nudeln oder sowas essen und dann? Übermorgen gehe ich dann wieder zur Arbeit, dann bin ich abgelenkt und jedes Mal, wenn ich frei habe, muss ich dann bei Ikea einkaufen? Ich werde unruhig. Was ist das für ein Leben? Routinen sind schön, denn dann bin ich zeitlich strukturiert, auch wenn alles andere ein Chaos ist, aber nur für die Arbeit leben? Ist das eher der Stein in meinem Schuh, der mich davon abhält das Paar Schuhe, was ich die ganzen Jahre lang getragen habe, ohne es zu merken, gegen ein frisches Paar einzutauschen? Die Schuhe sind inzwischen gute gebrauchte. Kein anderer Fuß dieser Welt könnte in diesen Schuh kommen, weil der Schuh quasi meine Fußform wie in Gips gegossen darstellt. Aber nur weil der Schuh bequem ist, wird er mich nicht zu neuen Ufern tragen, sondern immer die gleichen Straßen mit ihnen laufen. Im wackeligen Gelände würde sich die Sohle nämlich mit hoher Wahrscheinlichkeit abschälen. Ich sollte etwas wagen, anstatt meinem Kontrollzwang nachzugeben. 19:54Uhr zeigt meine Digitaluhr auf der Fensterbank an. Ich gehe in die Küche, um etwas zu kochen. Nudeln in den Topf schmeißen und Pesto mit Parmesan bereitstellen ist ja keine große Sache. Ein bisschen Zitronenwasser mit Gurkenscheiben fertig machen und voilà ich bin bereit für einen Abend mit mir und meinen Grübeleien. Mein Handy klingelt. „Hey I just Met you and this is crazy, but here’s my number so call me maybe“, singt es lautstark aus meinem Handy. Diesen Klingelton habe ich eines Abend betrunken für den Anruf meiner Schwester eingestellt, da mich dieses Lied genauso nerven würde wie sie. Dieser gemeine Witz hatte an dem Abend ein paar Lacher geerntet, was mein betrunkenes Ich dazu gebracht hat, den Klingelton tatsächlich einzuspeichern.

„Jaa“, melde ich mich mit vollem Mund.
„Na störe ich dich gerade beim Essen?“, fragt Milena mich mit einem herausfordernden Unterton.
„Jaaa“
„Und hast du mich vermisst?“
„Jaaa“, antworte ich kurz bevor ich eine Nudel in meinem Mund herumtänzeln lasse, da sie viel zu heiß für meine Mundschleimhaut ist.
„Soll ich morgen lieber nochmal anrufen?“ Milenas Frage ist ernst gemeint.
„Nein alles gut, worüber willst du denn reden? Von mir gibt es jedenfalls nicht viel zu berichten und ich bin heute eher Zuhörer einfach“, gestehe ich ihr.
„Okay was ist los? Sag’s mir!“, fordert mich meine Schwester heraus.
Ich hätte nicht erwähnen sollen, dass ich heute nicht reden will. Es ist immer das gleiche mit meiner Schwester. Sie lässt am Ende nicht locker bis sie mich ausgequetscht hat wie eine hilflose Zitrone, deren Saft wie Blut aus ihrem Fruchtfleisch in das Getränk tropft.
„Ich bin echt nicht in der Laune mit dir drüber zu reden“
„Warum nicht? Ich weiß, dass ich die einzige Person bin, der du alles erzählst. Selbst Karina weiß inzwischen nicht mehr alles..Zeitverschiebung, Arbeit bli bla blub. Ist es wegen ihr? Hast du heute dein „Ich-habe-frei-und-kein-Privatleben-Tief?“, fragte sie mich als wäre sie meine Psychoanalytikerin. Das gefällt mir gar nicht so leicht zu durchschauen zu sein. Warum kennt mich meine Schwester wahrscheinlich besser als ich mich? Und habe ich nicht das letzte Mal als ich frei hatte ein ähnliches Gespräch mit ihr geführt? Wie viel Wein hatte ich an dem Abend wohl getrunken?
„Milena, ich weiß, dass du mir helfen willst und das schätze ich auch an dir, aber warum musst du dabei immer so reden, als wüsstest du bereits alles? Ja, du bist die Person, mit der ich neben der Arbeit, am meisten rede, aber das heißt nicht, dass du allwissend bist. Ist es deine neue Art? „Heute klatsche ich meiner Schwester meine Psychoanalyse ihres Lebens ins Gesicht, ohne sie vorher zu fragen, ob sie die hören will!“ Denkst du dir das? Ich brauche nicht auch noch von dir hören wie armselig ich bin und das ich nichts aus meinem Leben mache, außer arbeiten. Ich war heute bei Ikea und dachte Deko und schöne Lampen werden mein Wohnzimmer wohliger für mich gestalten und mir ein Zuhausegefühl verleihen. Stattdessen fühle ich mich als wäre ich immer noch der Besuch, nur eben in einer schöneren Wohnung. Ich habe nichts außer der Arbeit, was meinem Leben einen Sinn gibt. Welcher Mensch, den ich kenne, hat nur seine Schwester als Bezugsperson? NIEMAND. Nur ich telefoniere fast jeden Abend mit meiner Schwester. Wir treffen uns ja nicht mal, einfach weil wir zu weit voneinander entfernt sind. Warum ist es die Entfernung, die mein Leben zerstört? Es gibt Menschen in meinem Leben neben der Arbeit, nur eben zu weit weg. Immer kommt bei meinen Sozialkontakten etwas dazwischen. „Tut mir leid, ich wohne eben in Amerika, da kann ich mich nicht melden“, „Tut mir leid, ich kann dir nicht helfen bei deinem Umzug, weil du es kann niemand auf meine Kinder aufpassen“, „Tut mir leid ICH INTERESSIERE MICH GAR NICHT FÜR DICH“, sprudelt es aus mir heraus. Die letzten Sätze habe ich so laut geschrien, dass ich danach kurz checken musste, ob das Fenster offen war. Es war zum Glück zu.
Am anderen Ende der Leitung war Stille. Bestimmt 30 Sekunden hat weder Melina es gewagt einen Ton von sich zu geben noch ich. Ich schäme mich sofort so ausgerastet zu sein.
„Es tut mir leid. Du hast Recht – ich wollte dich nur provozieren, um etwas aus dir herauszubekommen. Das war egoistisch und nicht darauf bedacht wie es dir damit gehen könnte“, lenkt Milena mit einer sanften Stimme ein.
Das war mein letzter Stoß. Meine Tränendrüsen öffnen sich ruckartig und die Tränen fließen, angetrieben von einem lauten Schluchzen, aus meinem Körper heraus. Innerhalb kürzester Zeit hat meine Schwester mehr Emotionen in mir geweckt, als ich die ganzen letzten Stunden gefühlt habe. Was ist nur los mit mir?
„Du bist einsam, wenn du dich nicht um dich kümmerst! Sozialkontakte gehören dazu, aber du musst auch bereit sein Menschen in dein Leben zu lassen. Das Karina nach Amerika gegangen ist, hat dich schwer getroffen und vielleicht auch verletzt. Sie ist ein toller Mensch und seine vertrauteste Person gehen zu lassen, ist ein Prozess, der nicht mal eben abgeschlossen ist. Möchtest du meine Meinung hören?“, fragt mich Milena als mein Schluchzen nachgelassen hat.
„Ja“, jammere ich ins Telefon.
„Entweder du rufst Karina an und all‘ deine alten Bekanntschaften, die du durch sie hattest oder du überlegst dir, ob es der neue Job wert ist, dass du dich so fühlst. Ich kann dir anbieten bei mir zu wohnen bis du dir sicher bist, wohin es dich treibt oder vielleicht gefällt es dir ja im Norden bei mir. Du bist immer so versessen darauf dein Leben im Griff zu haben, aber merkst du nicht wie du dir mit dieser zwanghaften Struktur deine Freiheit Mensch zu sein verbaust?“
„Weißt du…ich hatte zwei Tage hintereinander einen Stein im Schuh“, setze ich an und pausiere dann.
„Ja und?“, fragt Milena.
„Beim ersten Mal hatte ich einen kleinen Kieselstein in meinen Arbeitspumps. Ich wollte aber nicht vor den Passagieren meine Schuhe ausziehen, da es mir unhöflich vorkam. Also wartete ich ab bis ich nach der Schicht in der Umkleide war und meine Schuhe wechselte. Das zweite Mal war heute im Ikea. Ich stand in der Schlange, traute mich aber nicht meine Schuhe kurz auszuziehen und wartete bis ich alleine an meinem Auto den Stein aus dem Schuh holen konnte. In beiden Fällen muss der Stein schon länger in meinem Schuh herumgetanzt sein und erst in Momenten, wo ich umgeben von Menschen war, schmerzte mich der Stein. Dann habe ich bei beiden Malen den Schmerz ignoriert und mich erst von ihm befreit, als ich für mich alleine war. Was ich damit sagen will…Ich glaube ich habe mir mein perfektes Leben vorgestellt und versucht danach zu leben. Dann hat der Stein mein perfektes Bild desillusioniert, da ich versucht habe mich an den Schmerz zu gewöhnen, es hat aber nicht funktioniert. Vor Außenstehenden wollte ich nicht zeigen, dass ich erschöpft bin und meine Schuhe ausziehen möchte. Ich wollte einfach nicht, dass mich jemand fragt, ob alles okay sein. Nein ist es nicht, aber ich wollte es mir nicht eingestehen. Und jetzt sitze ich hier, telefoniere mit dir und rede über Steine in meinem Schuh, die nichts zu bedeuten haben.“
„Ich glaube du kannst dir helfen, indem du dich nicht fragst wie du am besten in deine Idealvorstellung passt, sondern indem du dich fragst was zu dir passt.“
Wir telefonieren noch eine ganze Weile bis wir beide beschließen schlafen zu gehen. Ich öffne mein Schlafzimmerfenster, um die kühle Brise von draußen hereinzulassen und atme tief durch. Mein Nachthemd flattert mit dem Saum durch meine Beine hindurch und meine Harre verwehen durch den Wind. Mir ist kalt und das brauche ich in diesem Moment. Auch wenn mein Kopf von dem Weinen brummt, fühle ich mich besser. Es konnte ausbrechen. Innerlich habe ich fürs erste meinen miesen Kieselstein aus dem Schuh entfernt. Ich schließe das Fenster und lege mich auf mein Bett, knipse das Licht aus und denke nach. Was passt zu mir?
Kurz bevor ich einschlafe, treffe ich eine Entscheidung.

Am Morgen stehe ich direkt, nachdem meine Augen sich daran gewöhnt hatten, dass sie nicht mehr geschlossen sind, auf. Ich putze meine Zähne, ziehe mir einen Morgenmantel über und koche einen Kaffee. Ich greife fest entschlossen nach meinem Handy. Mein Herz fängt an zu pochen wie verrückt als ich die Nummer wähle. Mir ist bewusst, dass dieser Anruf teuer für mein altes Leben wird, denn ich werde mich nicht mehr damit abspeisen lassen mich selber in meinem Leben mit Ikea Dekorationen glücklich machen zu wollen. Was war das für eine alberne Idee? Es gibt einen Grund, warum sich niemand wirklich für mich interessiert – ich gebe nie etwas von mir Preis, da ich im Privatleben quasi nicht existiere. Ein klassischer Burn- Out und ich bin in die Falle getappt, oder? Ich warte. Ich warte noch ein paar Sekunden länger.
„FINE!!“, ruft Karina regelrecht in den Hörer, sodass mir beinahe die Ohren wegfliegen. Das war der Enthusiasmus, der mir in letzter Zeit so an meiner Seite gefehlt hat.
„Es ist so schön, dass du dich meldest! Wie gehts dir?“, sagt sie und ich kann ihr Lächeln durch den Hörer förmlich spüren.
„Karina! Du weißt ja gar nicht wie ich das vermisst habe deine fröhliche Stimme zu hören“, fange ich an zu reden, wobei mir die Tränen in die Augen steigen, „ich hatte die letzten Tage immer mal einen Kieselstein im Schuh..ich weiß das klingt banal, ist es auch. Aber ich dachte dieser Kieselstein bringt mir Pech und erinnert mich daran wie nervig mein Leben ist und daran, dass ich diesen Fakt ignoriere. Und ich hatte zwei Optionen – 1. diesen Gedanken glauben und 2. mir ausmalen, dass der Kieselstein eine Erinnerung daran ist, dass ich mir einen Ruck geben muss. Es ist allerhöchste Zeit und ich wundere mich noch niemals zuvor darauf gekommen zu sein- hast du übermorgen um diese Uhrzeit was vor? Ich werde gleich zwei Tickets nach Amerika buchen. Meine Schwester und ich kommen dich besuchen! Ich brauche ein Abenteuer!“

#Writingfriday Meinerts Flugversuch

Samstag
Der Himmel ist blau und frei von Kondenstreifen der Flugzeuge, Wolken oder Vogelschwärmen. Gibt es wirklich Menschen, die der Chemtrails Verschwörungstheorie glauben, dass die Kondensstreifen am Himmel in der Realität Chemikalien sind, die uns Manipulieren, damit fremde Mächte die Weltherrschaft an sich ziehen? Ich schmunzle bei dem Gedanken, denn warum sollte jemand der die Weltherrschaft an sich reißen möchte seine Opfer in einen panischen Zustand versetzten, anstatt sie in Sicherheit und Entspannung zu wiegen? Ich verwerfe den Gedanken wieder und schaue wieder aus dem Fenster.
Die Sonne kann ungehindert auf die Erde strahlen, die Pflanzen mit Energie versorgen und die Menschen und Tiere zum Schwitzen bringen. Dieser so weit entfernte Feuerball hat unser Leben unter Kontrolle. Schon bei dem Gedanken an UV-Strahlen, greife ich zur Sonnencreme mit dem höchsten Lichtschutzfaktor. Nachdem ich meinen Körper auf die Srahlenbelastung vorbereitet habe, kann ich das Haus verlassen. Auf dem Weg in den Garten laufe ich an dem Haken mit meiner Cappie vorbei, nach der ich nicht griff, denn wie Fahrradhelme schützen sie einen zwar, sehen aber dementsprechend komisch auf meinem unförmigen Kopf aus. Ich gehe raus in den Garten und atme die frische Luft ein. Ruhe ist mir dabei nicht gegönnt, denn die Nachbarn mähen seit 10Uhr morgens ihren Rasen,trimmen die Hecken oder flambieren ihre Pflastersteine, um das lästige Unkraut zu verbrennen. Das Zwitschern der Vögel und das Rauschen des Windes durch die Blätter ist nur noch eingeschränkt zu hören.
Ohne eine Glasscheibe zwischen meinem Blick und der Außenwelt, schaue ich mir erneut den Himmel an. „Nach dort oben soll ich fliegen?“, denke ich und versuche die Zweifel es zu schaffen aus dem Weg zu räumen.

Freitag: Wie alles anfing..
Gestern saß ich entspannt im Garten, trank meinen selbst gemachten Himbeersmoothie und versuchte meine Augen zu entspannen, da ploppte eine Nachricht auf meinem Handy auf. Meine Freunde würden sich um 23Uhr vor dem Freibad treffen. „Seid ihr bescheuert? Ich breche doch nicht in ein Freibad ein“, wollte ich erst in die Gruppe schreiben, zögerte dann aber. Mir war nicht Wohl bei dem Gedanken etwas illegales zu machen. „Es geht ja nicht darum, dass wir den Schwimmbad Besitzer um sein Geld bringen wollen, sondern lediglich um den Kick. Selbst wenn wir erwischt werden, wird das als ein Streich abgetan und wir bekommen eine Verwarnung. Ins Gefängnis wandert keiner deswegen“, erinnerte ich mich an die beruhigenden Worte meiner Freundin. Überzeugt hatte sie mich jedoch nicht. Noch nie zuvor bin ich irgendwo eingebrochen, denn mir fehlt auch der Spaß an der kriminellen Energie, oder? Wieso sollte ich irgendwo einbrechen? Um bei einem Trinkspiel, bei dem eventuell die Frage „Bist du schon Mal irgendwo eingebrochen?“ aufkommt, von dieser einen Geschichte berichten zu können? Das ist es mir keinesfalls wert. Meine Finger tippten die Absage in das Handy ein, ich brauchte nur noch auf das Absende Zeichen zu drücken. Das unwohle Gefühl war noch da, aber gegensätzlich zu dem kam Neugierde in mir auf. Jeden Tag befolgte ich unzählige Regeln, ohne es überhaupt zu bemerken. Achte darauf, dass du den Müll immer trennst, zur Schule, Arbeit etc. erscheinst du immer pünktlich, wobei pünktlich meistens ja fünf Minuten vorher sind, damit du dich vorbereiten kannst, Arbeitskleidung anziehen kannst usw. Im Zug darfst du nur auf den vorgegebenen Sitzen sitzen, da die erste Klasse eben teurer ist und der hintere Bereiches des Zuges ist für Fahrräder und Kinderwägen. Beim Decken des Tisches liegt die Gabel innen und das Messer außen. Auf dem Fußweg gehst du auf der rechten Seite, damit dich andere überholen können, selbst zu Fuß bleibst du auch um 3Uhr morgens, wenn niemand anderes am Straßenverkehr teilnimmt, an der roten Ampel stehen. Natürlich ist es sinnvoll Regeln zu haben, denn diese verleihen einem Sicherheit und Kontrolle und regeln das gesellschaftliche Leben. Doch auch, wenn diese Regeln oftmals Sinn für mich ergeben, regen sie mich an manchen Tagen auf. Ich bin frei und trotzdem ist meine Freiheit geregelt, was soll das denn? Ich merkte wie ich insgeheim mit ins Freibad gehen wollte. 16:42Uhr zeigte mir die Uhr auf meinem Handy an. Einige Stunden hatte ich noch Zeit bis zum Einbruch. Ich entschloss mich dazu spontan zu sein. Ich würde nichts in die Gruppe schreiben und entweder um 23Uhr am vereinbarten Treffpunkt sein oder mich schlafen legen.

Das Freibad war etwas außerhalb der Stadt. Es hatte nicht nur ein chlorhaltiges Schwimmbad mit Sprungtürmen draußen, sondern auch ein Naturbad. Wären wir lebensmüde gewesen, hätten wir auch nachts durch das Naturbad von dem Ufer, das nicht zum Schwimmbad gehört, schwimmen können. Da hätte ich allerdings gekniffen, denn ertrinken wollte ich vorerst nicht! Mit wachsweichen Knien trat ich in die Pedale um zum vereinbarten Treffpunkt zu fahren. Die anderen warteten schon auf mich. „Wir haben darum gewettet, dass du nicht kommst Meinert“, begrüßte mich Tilo, der schon mehrere Male umsonst schwimmen gegangen ist. Ich war eine der glücklichen Persönlichkeiten, dessen Vorname aus dem Sprachgebrauch gestrichen wurde. Wann es angefangen hat, weiß ich nicht, aber so lange ich denken kann, werde ich mit meinem Nachnamen gerufen. Eigentlich dachte ich, dass das ein Privileg der Männer ist, die Fußball spielen. Bei meinem Bruder in der Mannschaft gab es zwei Tobias. Da ein Tobias automatisch Tobi genannt wird, mussten sie sich für den zweiten Tobi eben eine Alternative einfallen lassen. Den einen Tobias und den anderen Tobi zu nennen ist zu kompliziert, also hieß der andere seit dem Tag an nur noch Kreßmann. Ich spielte zwar nicht Fußball und war auch nicht verwechslungsgefährdet mit einem Namensvetter, aber ich heiße seit der 5. Klasse bei meinen Freunden nur noch Meinert. Während ich noch daran dachte, das selbst meine Eltern meinen Namen ebenfalls selten sagen, sah ich wie Tilo Annika den fünf Euro Schein überreichte, der wohl sein Wetteinsatz gewesen war. „Du schuldest mir fünf Euro“, sagte Tilo und setzte danach sein Standard Grinsen auf, bei dem man sich nicht sicher sein konnte ob er einen Spaß machte oder nicht. Eine kurze Weile schwiegen wir uns an, bis die anderen beiden eintrudelten. Wir waren zu fünft.

Johann, der regelmäßig ins Fitnessstudio geht, machte für uns die Räuberleiter. Allerdings sah ich ihm an, dass es selbst für ihn nicht so locker flockig war unser Körpergewicht zu halten wie er es anfangs behauptete. Zugegebenermaßen könnte das auch daran liegen, dass wir auch keine hilfreiche Körperspannung an den Tag (oder eher an die Nacht) legten. Außerdem hatte ich eine leichte Höhenangst, die mir in solchen Momenten nicht zugute kam. Es war mein erstes Mal über einen Zaun zu klettern, der deutlich größer war als ich. Nach ein paar Anläufen stand ich endlich auf der anderen Seite des Zaunes. Nach gefühlten Ewigkeiten hatten es die anderen dann auch geschafft, denn ich wurde ungeduldig. Wie viel Zeit blieb uns, bis es jemand bemerken würde? Vielleicht war es nicht schlau einen Schwimmbadeinbruch an einem Wochenende zu planen, wo es durchaus öfter als in der Woche vorkam, das Menschen um diese Uhrzeit noch unterwegs sind. Die Gruppe steuerte direkt auf die Sprungtürme zu. Meinetwegen hätten wir auch wieder umkehren können, das Grundstück illegaler weise zu betreten, hatte mir schon für den Kick gereicht. „Jetzt sind wir schon Mal hier, da können wir auch schwimmen gehen. Der ganze Aufwand würde sich sonst gar nicht lohnen“, sagte Annika, die mein Unwohlsein bemerkt hatte und mich versöhnlich an die Hand nahm, um mich in die Richtung der Gruppe zu ziehen.

Für alle Fälle hatte ich mir ein Sandwich mitgenommen, was ich mir gönnte, während die anderen einen Salto nach dem anderen von dem Sprungturm machten. Selbst Tilo schaffte es nach dem 2. Rückenklatscher einen vernünftigen Salto hinzulegen. Denn seine große Klappe, konnte seine Unbeweglichkeit nicht kaschieren. Man konnte ihnen ansehen, dass sie das nicht zum ersten Mal machten. „Meinert, jetzt bist du dran!“, rief jemand vom Sprungturm. Es war ziemlich dunkel und zu schwach beleuchtet, dass ich nicht erkennen konnte, wer auf dem Sprungturm stand. Mir war klar, dass dieser Spruch irgendwann kommen würde, aber es war schließlich auch meine eigene Schuld. Ich hätte mich auch einfach schlafen legen können. Wobei ich von mir selbst bis dahin erstaunt war, dass ich ihn Ruhe mein Sandwich essen konnte, ohne rumzunörgeln nach Hause zu wollen. Der Einbruch fühlte sich nicht an wie einer, was mich ernsthaft wunderte. „Was soll’s, sie werden eh nicht locker lassen, das Sandwich kann ich auch später aufessen“, ergab ich mich meinem Schicksal. „Mensch, so kennen wir dich gar nicht – ohne Widersprüche. Gut, dass ich diesmal keine Wette abgeschlossen habe. Du komische Braut..“,sagte Tilo noch und ging dann den anderen hinterher, die sich eine Pause auf den Handtüchern gönnten. Ich kletterte die glitschig, nasse Leiter nach oben. Die fünf Meter waren für mich schon eine enorme Überwindung. Ich kniff die Augen zu, als ich auf dem Sprungbrett angekommen war. „Los, du schaffst das“, schrie Annika vom Handtuch aus in meine Richtung. Schön, dass sie noch den Druck erhöhte. Ich fühlte mich wie in einem schlechten Teenie Film, wo die sonst ausgegrenzte Person bei den Machenschaften der beliebten Leuten mitmachen darf und die Filmemacher zeigen wollten in was ein Dilemma sich die Person durch den Gruppenzwang verirrt und sich am Ende wahre Freunde sucht. Der Unterschied war, dass meine Freunde einfach eine Neigung zu unnötigen Gefahrensituationen haben und ich mich selbst in für mich unangenehme Situationen begebe. Keiner hat mich gezwungen mitzukommen. Ein Meinert sollte auch mal „Nein“ sagen können, aber ich schien es wohl noch nicht kapiert zu haben, wann die Zeit für ein „Nein“ gewesen wäre. Das traurige daran ist, dass mir die Höhe mehr Angst bereitet als ein Einbruch in ein Schwimmbad. Habe ich vielleicht doch eine kriminelle Energie?
„So langsam wird’s echt langweilig, mach mal hin da oben!“, schaltete sich Johann ein.
Ich tastete mich langsam nach vorne, versuchte mir einzureden, dass die anderen den Sprung auch überlebt hatten. Vermissen würden sie mich, wenn ich bei dem Sprung sterben würde und meine Leiche an diesem Bade-Spaß-Ort im Wasser umherschwirren würde. Würde auf meinem Grabstein dann als liebevolles Andenken nur mein Nachname stehen? „Reiß‘ dich zusammen“, murmelte ich laut vor mich hin. Nur noch ein Schritt nach vorne trennte mich von dem Fall in die Tiefe. Den Gedanken die Treppe wieder runterzuklettern war genauso schlimm, denn wenn ich dort fallen würde, würde ich nicht in einem Becken voller Wasser landen, sondern im schlimmsten Fall mit meinem Steißbein auf dem Betonboden landen. „Du musst!“, dachte ich. Kurz überlegte ich noch ob ich die Augen zu oder auf machen sollte. „Du lässt sie auf! Es kommt nicht alle Tage vor, dass du dich deiner Höhenangst stellst, dann schau‘ dir zu mindestens bei dem Erfolg zu.“ Die Entscheidung ist gefallen. Mit aller Kraft stieß ich mich vom Sprungbrett ab und verließ mit meinen Füßen den Erdboden. Doch anstatt innerhalb von Sekunden das Nass an meinen Zehenspitzen zu fühlen, sah ich wie mein Körper in der Luft stand. Ich fiel nicht wie es das physikalische Gesetz der Gravitation vorschreibt, sondern ich schwebte ganz gemächlich in Richtung des Erdbodens. Ist das illegal als nicht diplomierter Physiker gegen die Naturgesetzte zu verstoßen? Wie ist das nur möglich?
Direkt biss ich mir in meine Hand. Nichts veränderte sich, es waren nur noch ein paar Zentimeter bis ich auf der Wiese landete. Ich träumte nicht verdammt. Zur Sicherheit zwickte ich mir in meine Wange, riss die Augen auf und ich sah meinen Körper in der Luft schweben. Ich konnte es nicht fassen, doch ich war mir zu hundert Prozent sicher, dass ich keine Drogen eingenommen hatte. Selbst die Himbeeren im Smoothie gegoren wären und von einem Magic Mushroom Pilz befallen wären, könnten sie nicht derartige Halluzinationen hervorrufen. Verzweifelt versuchte ich zu verstehen, was mit mir passierte und ob ich nun komplett durchdrehte. Wie ein Vogeljunges fuchtelte ich mit meinen Armen in der Luft herum, als könnte ich damit die Richtung, in die ich fliegen wollte, steuern. „Lass mich wieder runter!“, wollte ich rufen, doch wen konnte ich beschuldigen? Wie fremdgesteuert schwebte ich zu meiner Erleichterung weiter in Richtung Erdboden.
Als meine Füße wieder auf dem festen Boden standen, musste ich mich erstmal sammeln. Verwirrt stapfte ich zu meinen Freunden zurück, während ich mir eine Lüge überlegte. Mein erster Gedanke war einfach nichts zu sagen und zickig auf die Frage, ob ich gesprungen sei, zu reagieren. Die Wahrheit würde mir niemand abkaufen.
Ich gestand ihnen die Treppe wieder runtergeklettert zu sein. „Wir haben dich gar nicht die Treppe runtergehen sehen. Bist du nicht sogar gesprungen?“, fragte mich Annika. „Du bist doch gesprungen, nur es war gar kein Wassereinschlag zu hören“, fügte Tilo noch erstaunt hinzu. „Nein, ich wollte springen, hab mich aber im letzten Moment dagegen entschieden. Ich dachte ich packe es, aber ich konnte mich einfach nicht überwinden. Was redest du überhaupt für einen Quatsch?“, entgegnete ich, „von hier kann man das doch kaum sehen, ihr habt es euch wohl so sehr gewünscht, dass ihr euch das schon einbilden wolltet.“ Ich schaute in prüfende Gesichter, die aber wohl keine Lust auf eine weitere Diskussion hatten. Erstaunt von der Leichtigkeit eine Lüge über meine Lippen zu bringen, setze ich mich auf mein Handtuch. Die anderen waren wirklich leicht zu überzeugen, doch was mache ich jetzt?

Gestern war ein wirklich komischer Tag. Nachdem wir das Schwimmbad wieder verlassen hatten, trennte ich mich von der Gruppe mit der Begründung Kopfschmerzen zu haben und nach Hause zu wollen. „So schlimm ist es auch nicht, dass du nicht gesprungen bist“, lenkte Tilo ein, der meinen Vorwand durchschaut hatte, aber ich beharrte auf den Kopfschmerzen und fuhr in die Richtung meines Zuhauses. Statt wirklich direkt ins Bett zu gehen, kletterte ich Zuhause auf unseren Apfelbaum. Wenn ich im Schwimmbad nicht nur halluziniert habe, dann müsste ich ja theoretisch auch von unserem Apfelbaum herunter schweben können. Gesagt, getan. Es fühlte sich zwar eher wie ein Selbstmordkommando an, da es eine sehr abwegige Idee ist sich von einem Baum zu stürzen, um zu testen, ob die Superkraft „Fliegen“ für die Menschheit ab hier und ab heute existiert oder nicht. Schlimmsten Falls würde ich mir ein paar Knochenbrüche zulegen und besten Falls würde ich fliegen können. Meinem unspektakulären Leben, was ich sehr liebe, könnte ich dann Adieu sagen. Ich hatte einen Frosch im Hals, musste mich ständig räuspern. Bis zum Morgengrauen würde ich auf dem Boden liegen mit sämtlichen Knochenbrüchen, wenn mich meine Eltern aus dem Haus nicht hören. Haben sie ihr Schlafzimmerfenster offen stehen gelassen? Für eine kurze Sekunde überlegte ich ins Haus zu gehen und nachzuschauen, sodass ich nicht eine ganze Nacht auf unserem ungemähten Rasen liegen müsste, wenn ich nicht fliegen könnte. Wie das klingt- als wäre es wirklich realistisch, dass ich fliegen könnte. Das ist absurd. Meine Füße suchten schon den absteigenden Ast zum Erdboden, doch meine Arme argumentierten gegen die Füße, klammerten sich an dem oberen Ast fest, um mir die Entscheidung zu erschweren. „Soll ich so verrückt sein, meinen Halluzinationen glauben und springen?“, sprach ich die Frage laut aus.

Samstag
Als kleines Mädchen hatte ich Wellensittiche als Haustiere. Heutzutage finde ich es bedenklich Wellensittiche in einem Wohnzimmer zu halten, selbst wenn der Käfig eine angemessene Größe hätte, was er niemals hat. Hielt ich die Vögel gefangen, weil ich neidisch war, selbst nicht fliegen zu können? Mit dem Argument, dass die Tiere nicht in ihrem natürlichen Lebensraum sind, könnte man sich gegen jede Art von Haustier aufbäumen, aber das ist es gar nicht. Es geht mir speziell um die Vögel, deren Fortbewegungsmittel einfach still gelegt wird durch die Stangen des Käfigs. Auch die eine Stunde am Nachmittag, wo die Vögel dann das Wohnzimmer zum Rumfliegen nutzen konnten, brachte sie der Freiheit auch nicht näher. Was für ein trauriges Wellensittich Leben, ohne dass die Wellensittiche überhaupt wussten, das außerhalb der Scheibe ein ewig andauernder Freiflug möglich wäre. Menschen fliegen nicht. Menschen träumen nicht fliegen zu können, denn es ist evolutionsbiologisch nicht möglich. Menschen haben keine Flügel, also können sie nicht fliegen. Vögel haben Flügel, können fliegen, aber als Haustier sollen sie nicht fliegen, damit sie bei ihrem Besitzer bleiben.
Die Komik an der Geschichte ist, dass ich mich jetzt wie mein Wellensittich Stitchi fühle. Für mich gibt es keinen offensichtlichen Käfig, denn ich kann nicht offensichtlich fliegen. Dachte Stitchi nicht auch daran eines Tages einen Freiflug machen zu können, ohne gegen eine Scheibe zu fliegen? Öffentlich zu zeigen, dass ich etwas außerhalb unserem logischen Wissenstandes Zustande bringe, ist nicht möglich. Die erste Reaktion wäre sicherlich, dass ich ausgelacht werden würde. Wenn ich dann bewiesen hätte, dass ich fliegen kann, würde es vorerst geleugnet werden. Dann würde sich die Neugierde einschalten und dann würde geforscht werden. Meine Menschenqualitäten würden in den Hintergrund gerückt werden, denn ich wäre ab dem Zeitpunkt ein Forschungsobjekt. Vielleicht würde sogar die Frage aufkommen, ob ich überhaupt noch ein Mensch wäre, denn Menschen können nicht fliegen. Wäre ich dann ein Vogelmensch? Oder würde ich einen komplizierten lateinischen Namen zugeschrieben bekommen und wäre dann ein Homo vogulus meinertfluegelus? Das wichtigste wäre Regeln und Gesetze zu verabschieden. Ich könnte jederzeit in den Flugraum eindringen und den Flugverkehr gefährden. Wenn eine Drohne schon angemeldet werden muss, wäre ein 1,60 Meter großer Homo vogulus meinertfluegelus ein größeres Problem. Wenn ich dann noch eine Kamera in der Hand hätte beim Fliegen wäre ich schon fast als gefährlich einzustufen, da ich Spionage betreiben könnte. Der deutsche Geheimdienst würde mir auf die Spur kommen, mich zu Spionage Zwecken „rekrutieren“ und mich nach Amerika, Nord Korea und Russland schicken. Abhörgeräte sind out, da könnten sie doch einfach auf den Vogelmenschen zurückgreifen. Von außen sehe ich so unscheinbar und unauffällig aus wie immer, obwohl ich in Wirklichkeit der neue Spionage Kampfjet wäre. Falls die deutsche Regierung kein Interesse an mir hätte oder gar Angst vor mir hätte, würde ich sicherlich eine Schlagzeile in der Zeitung bekommen und in die Psychiatrie geschickt werden. „Sie behauptet fliegen zu können“ und dann fälschen sie ein Video, was sie als Quelle angeben, auf dem sich jemand von einem Garagendach stürzt und sich schwer verletzt, anstatt zu fliegen. Die Leute würden den Artikel schneller vergessen als die leere Milch im Kühlschrank, mit dem Kopf schütteln und sich dem Sportteil der Zeitung widmen, während ich darum bitte wieder ganz normal in Schwimmbäder einbrechen zu können wie jeder normale Jugendlicher auch.
Oder sie würden mich an die Wissenschaft verkaufen, wobei besser gesagt meine genetischen Codes, damit wir unsere Rasse soweit modifizieren könnte, sodass bald jedes neugeborene Kind fliegen kann. Ich merke wie mein Nacken schmerzt, da ich ununterbrochen in das Blau des Himmels starre, so als würde ich mich in eine Hypnose versetzen wollen. Selbst wenn ich ab heute fliegen kann, werde ich dieses unendliche blau, was uns nicht in die Galaxie schauen lässt, niemals durchdringen können. Ich atme hörbar aus, denke ein letztes Mal an die Folgen meiner Verwandlung in einen Vogelmenschen. Das, was mich wohl am meisten stören würde, wäre, dass ich nie wieder eine Ausrede hätte zu spät zu kommen. „Vor mir ist eine Entenfamilie geflogen, die nicht auf die von mir berechnete Mindestgeschwindigkeit gekommen ist, um pünktlich zu kommen. Was sollte ich machen, ausweichen? Das ist unmöglich, da es nur diese eine Flugbahn zur Schule gibt“, würde ich verzweifelt rumdrucksen und dann doch nachsitzen müssen. Außerdem müsste ich bestimmt andauernd für meine Eltern einkaufen fliegen und ja, es wäre umweltfreundlicher, aber sicherlich nicht rückenschonend für mich. Irgendwann hätte ich einen Einkaufsbuckel und die Leute würden mich erst Recht für verrückt halten. Dann bräuchte ich mir nur noch einen Besen zwischen die Beine zu klemmen und ich wäre die stadtbekannte Hexe. Doch was wäre, wenn ich fliegen könnte, ohne dass es die von Regeln gefesselte Gesellschaft mitbekommt?
Meine Entscheidung ist gefallen. Meine verrückten, regelfernen Freunde werden diejenigen sein, mit denen ich das Fliegen teilen werde. Anstatt mir das Leben mit einer kompletten Geheimhaltung zu erleichtern, erschwere ich es mir wahrscheinlich eher damit, dass ich es ihnen erzähle, aber sie wissen so gut wie alles über mich und ich über sie. Es wird sicherlich damit enden, dass meine Freunde sich neue Mutproben für mich ausdenken, die über einen Schwimmbadeinbruch hinaus gehen werden. Mutproben im „Spring mit verbundenen Augen von der Sporthalle“ Kaliber werden sicherlich in Erwägung gezogen, denn Mutproben gehören zu unsere Freundesgruppe dazu wie die Erdbeere zu den Nüssen – es ist absurd und man würde es auf den ersten Blick nicht erwarten, aber es ist eine unveränderliche Eigenschaft der Gruppe.
Dicht halten werden sie hundertprozentig, denn im Gegensatz zu den anderen Menschen, die ich kenne, geht es meinen Freunden nicht um Aufmerksamkeit oder um „Coolness“, sondern lediglich darum in unserer Gruppe Spaß zu haben. Selbst wenn sie es jemand anderem erzählen würden, dann denke ich, dass ihnen eine blühende Fantasie zugesprochen werden würde. Soweit würde es aber nicht kommen.
Ich dachte noch an meine Nacht und Nebel Aktion, in der ich vom Apfelbaum gesprungen bin und unversehrt, voller Adrenalin in meinem Bett lag und mir die Welt nicht mehr erklären konnte und tippte eine Nachricht in unsere Schwimmbad Gruppe. Heute um 23Uhr am Schwimmbad werde ich die Schulphysik und die Naturgesetze widerlegen, das Weltbild meiner Freunde erschüttern und mein neues Doppelleben begrüßen. Glücklich greife ich nach dem Wasserglas und puste in das Glas, sodass die Blubberblasen meine Nase kitzeln konnten. Die Menschheit schreibt viele verrückte Geschichten, doch ich würde mein Geheimnis ihr vorbehalten, denn ich wollte frei sein.