Dialoge I + II

Dialog I

Funktionieren
&
Extrahieren

Wie geht‘s dir?

Ganz gut und dir?

Ganz in Ordnung würde ich sagen.

Was bedeutet ganz in Ordnung?

Das es morgen weiter geht und das ist okay.

Kannst du denn überhaupt neutral dem Gegenüber sein, was morgen passiert? Gibt es da nicht nur die Optionen „Ich freue mich darauf“ oder „ Ich muss mich motivieren den morgigen Tag zu bewältigen“?

Ich glaube es kann okay sein, wenn ich funktioniere und nicht weiter darüber nachdenke, ob ich denn funktioniere. Weißt du was ich meine?

Aber bedeutet funktionieren nicht, dass du in einem Automatismus bist? Du überlegst nicht, was du tust und es ist dir ein Stück weg egal wie es morgen passiert?

Denkst du nicht, dass du funktionieren sehr negativ konnotierst damit? Es muss mir nicht egal sein, dass ich funktionieren kann. Ich kann funktionieren, wenn ich meine Gefühle – positiv und negativ- extrahiere und gleichzeitig kann ich trotzdem hinterfragen, ob meine Tätigkeit, die ich im Automatismus ausgeführt habe, gelungen ist oder nicht.

Aber kannst du denn deine Gefühle wirklich extrahieren?
Wenn du einen Automatismus in deiner Tätigkeit hast, bedeutet das, dass du dir bewusst bist, dass du diese Tätigkeit kannst, was auf ein Selbstbewusstsein zurückführbar ist. Und ein Selbstbewusstsein würde dich in dem Fall positiv beeinflussen.

Das unterscheidet für mich aber Automatismus, den ich positiv belegen kann und das Funktionieren, wo das nicht klappt für mich.
Beim Funktionieren stelle ich mir willenlose Arbeiter:innen vor, die nur tun, was ihnen als Aufgabe gestellt wurde und eben nicht hinterfragen, was sie da gerade tun. Ich funktioniere, also tue das Minimalste was ich kann, wenn ich nicht zu mehr fähig bin.


Ist dann nicht die eigentliche Frage, ob es mir überhaupt okay gehen kann? Gibt es keinen Zwischenzustand zwischen „mir geht es gut“ und „mir gehts es schlecht“? Gibt es keine Zwischenebene zwischen Funktionieren und Extrahieren?


Dialog II

Silberlöffel & Servierte

Sie schlürft ihre Suppe, die sie ihr gekocht hat. Dann besinnt sie sich darauf nicht mehr zu schlürfen, da das keine Manieren seien. So denkt sie darüber nach, während sie die Suppe weiter isst. Nach einer kurzen Zeit legt sie den Löffel beiseite. Die Suppe ist leer.
Ihre Mutter hatte den Vorfall gar nicht bemerkt, da sie ihre Suppe ruhig löffelte, während sie sich die Rückseite eines Buches durchlas.
Die Brille auf ihrer Nase war halbmondförmig. Es war genau so eine Brille wie sehr alte und weise Menschen in Filmen sie immer tragen.
Ihre Mutter war alt geworden. Sie schaut von ihrem Teller auf und schaut den leeren Teller ihrer Tochter an.

Hat dir die Suppe geschmeckt?

Ja sie war wirklich lecker. Deine Kürbissuppe enttäuscht mich nie.

Das freut mich wirklich.

Hast du bemerkt, dass ich sie zwischendurch geschlürft habe?

Du hast geschlürft? Nein, das ist mir glücklicherweise entgangen.
Du weißt doch wie sehr ich es hasse.

Meinst du, du hast es wirklich nicht gehört oder dein Gehirn hat dir das altbekannte Geräusch einfach heraus selektiert , damit du dich nicht aufregst?

Warum fragst du mich so kompliziert? Nein ich habe einfach nicht bemerkt, dass du geschlürft hast und das ist gut so. Sei doch froh, dass dir mein gehässiger Kommentar erspart geblieben ist.

Früher, als ich noch hier gewohnt habe, wäre dir kein Schlürfen jemals entgangen. Du hättest mich zurechtgewiesen, aber diesmal habe ich es selbst schon getan, damit wir uns nicht streiten. Irgendwie ist diese Situation so einprogrammiert, dass ich mich wundere, dass sie nicht eingetreten ist.

Es kann sein, dass mein Gehirn das selektiert hat, wenn ich so drüber nachdenke. Normalerweise wäre ich schon beim Schlürf‘ ansetzen von dir an die Decke gegangen.

Sie überlegte kurz, ob sie wirklich keinen Streit anfangen wollte oder ob doch.


Auf die alten Tage wirst du noch entspannt und nachsichtig. Wenn Papa das sehen würde, würde er ausrasten, dass er diese Tage nicht mehr mit dir erleben kann.

Nun hör‘ aber auf! Ich weiß, dass ich sehr streng sein kann, aber hat es dir je geschadet?

Hat es dir je geschadet, dass du etwas tust, was deinen Gegenüber zur Weißglut bringt, ohne es als Kind gewusst zu haben und statt einer Äußerung der inneren Gefühle, hast du nur Zurechtweisungen erhalten?

Willst du mich hier an den Pranger stellen? Die Schuld bei mir suchen für deine emotionale Unfähigkeit?

Nein will ich nicht. Ich weiß, dass ich als Kind auch provoziert und ignoriert habe, dass dich dieses Geräusch stört. Trotzphasen sind bei Kindern schließlich ein Ding. Aber warum musst du mich beleidigen, anstatt auf die Frage zu antworten?

Du tust so als wüsstest du die Antwort und willst mich hier aus der Reserve locken, aber ich verbitte es mir so mit mir umzugehen.

Mama, ich bin wütend, weil ich traurig bin und ich bin traurig, weil ich nicht mehr schlürfen kann. Und damit meine ich, dass ich froh bin selbst bemerkt zu haben, dass ich schlürfe, weil du es nicht magst. Dabei hätte ich es gerne früher bemerkt, indem du mir ehrlich gesagt hättest wie du dich fühlst. Nicht als Autoritätsperson, sondern als die Person, die mich 9 Monate im Bauch getragen hat, als die Person, die mir über den Bauch gestreichelt hat, wenn ich Schmerzen hatte.
Ich kenne dich, aber nie wirklich, also über das Kindesalter hinaus,
was du fühlst. Kenne ich dich dann überhaupt? Ist es deine Unfähigkeit Trauer über Vaters Tod zu äußern, die uns in die Verbitterungsstrafe gebracht hat?

Sie weint. Sie denkt sich, dass das Gespräch hätte anders verlaufen sollen. Sie merkt, dass sie unsensibel und voller aufgestauter Gefühle steckt.
Der Silberlöffel, der glänzt und der trotz Suppenkontakt wie von der Zunge poliert auf der Servierte liegt, blendet sie für einen kurzen Moment.
Die Servierte liegt akkurat auf ihrem Platz – wie immer. Sie ist genauso oft benutzt worden wie der Silberlöffel, aber auf den ersten Blick sieht sie aus wie damals, als sie vor 10 Jahren gekauft wurde.
Sie erinnert sich, dass ihre Mutter stets diese Löffel mit dieser Servierte auf den Tisch legt. Es ist ihr Set, was sie seit 10 Jahren zusammenlegt und was sich nicht verändern soll.
Sie überlegt, ob sie damals wirklich aus Trotz geschlürft hat oder einfach, weil sie ein Gefühl in ihrer Mutter hervorrufen wollte.

Sie fragt sich, ob sie ihrer Mutter vergeben kann.

RAUS! RAUS UND LASS MICH ALLEINE. RAUUUS!

Ein Wasserfall an Tränen läuft ihrer Mutter hinunter.
Sie ist zu weit gegangen. Anstatt auf einer Ebene zu reden, hat sie ihr das Schwert ins Herz gerammt. Kann ihre Mutter ihr vergeben?

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