Wie Herpes.

Die letzten Wochen waren hart.
Letztes Jahr habe ich mich persönlich ganz gut mit der Pandemie Situation arrangiert und auch im Sommer, als es Lockerungen gab, konnte ich meinen „Soziale Energie Speicher“ so gut es geht auffüllen.
(Ob das so schlau war, ist mal dahingestellt)
Inzwischen wird das Portionieren der so knappen Ressource „Soziales Leben“ von Monat zu Monat schwerer.
Die letzten Wochen waren eine einzige Erschöpfung.
Ich wartete und wartete auf Hoffnung. Und ich bekam Herpes.

Herpesblasen können zerplatzen.
Meine Freundin würde einfach eine Nadel nehmen und sie zerplatzen lassen als wären sie Seifenblasen. Ich creme stattdessen:
5 fucking Male täglich.
Mein Lächeln tut weh, denn meine Mundwinkel sind von den schmerzhaften Seifenblasen befallen.
Herpesblasen können zerplatzen, aber ich creme sie ein.
Den einen Tag hätte ich am liebsten mein Gesicht in Eiswasser gehalten, weil es so wehtat und trotzdem creme ich immer weiter, denn ich hoffe, dass die Blase irgendwann verschwindet.
Denn würde ich meine Blase zerplatzen lassen, wäre bei meinem Glück meine gesamte Lippe ein Tag später ein schmerzendes Schlauchboot.

Ich dachte über meinen Herpes nach. Ich dachte darüber nach ob Herpes nicht wie Corona wäre – im Sinne einer Metapher.
Ich versuche es mal so zu erklären:

Ich wachte am nächsten Tag auf und es war einfach da.
Am Anfang war es nur ein kleines Bläschen in der Mitte meiner Unterlippe – inzwischen ist es zu meinen Mundwinkeln gewandert.
Selbst wenn ich versuche es nicht zu beachten, meldet es sich bei mir: es juckt, schmerzt, kribbelt bei jeder Bewegung.
Ich creme vernünftig die Bläschen, anstatt sie zu zerplatzen. Es ist lästig, denn die Creme läuft manchmal in den Mund. Sie schmeckt überhaupt nicht. Meine Glasränder sind meistens mit der Creme benetzt. Es nervt mich jedes Mal, wenn ich den weißen Rand entdecke.
Wenn ich doch nur etwas tun könnte..
Ich kann nur abwarten.

Plötzlich wachten wir auf und Corona war da.
Es war den einen Tag noch in Wuhan: „Ach das Virus kommt eh nicht hierher.“ Einige Monate später: Lockdown. Angst.
Selbst, wenn ich Wasser trinke, denke ich manchmal: „ Wie wäre es wohl mit meinen Freund*innen Wasser zu trinken?“ Ich werden traurig.
Der Tatendrang kribbelt in mir.
Ich halte die Regelungen ein, begrenze meine Kontakte, wasche immer gründlich die Hände. Ich würde stattdessen lieber laut in einer großen Runde lachen (und trotzdem Hände waschen). Im Moment vergeht es mir schnell, wenn ich alleine bin. Ich bin gereizt und genervt.
Wenn ich doch nur etwas tun könnte..
Ich kann nur abwarten.

Holy Herpes

Sicherlich tut es gut meinen Frust zu äußern.
Dabei möchte ich es aber nicht unerwähnt lassen, dass ich diesen Frust aus einer sehr privilegierten Position äußern kann.
Obwohl ich im Krankenhaus arbeite, habe ich mich bisher glücklicherweise nicht angesteckt.

Ich bin kein/e Intensivpatient*in, der/die beatmet ist und mit jeder Stunde gegen dieses Virus kämpft, was nach und nach die Lunge oder auch andere Organe zerstören kann.
Atemnot, Todesangst, Fieber, Geschmacksverlust, Erschöpfung uvm. macht zu keiner Zeit Spaß.
Ich bin keiner meiner Kolleg*innen, die einen schweren Verlauf trotz jungen Alters hatten und die keine Treppen mehr gehen können, ohne mehrere Pausen einzulegen.
Ich lebe nicht alleine und von der Gesellschaft isoliert.
Ich bin in keiner Risikogruppe und habe zudem einen jungen Körper.
Meine Chancen das Virus zu überleben sind im Vergleich zu anderen relativ hoch.

Ich kann meinen Frust äußern, weil ich nur eine Herpes Infektion hatte.
Holy Herpes im Vergleich zu Corona. Holy Herpes.

„Triumph über das Virus“

Diese Schlagzeile soll bald auf allen Zeitungen stehen.
Ein weltweiter Triumph über das Virus wäre die Rettung aus der Frustration, der Isolation und ein Sieg der Solidarität.


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