#3 Ideal Lieben

Es ist das Wort, nach dem sich alle Welt sehnt es erleben zu können. Dieses Wort ist in unzähligen Filmtiteln vertreten und füllt beinahe jede Serie aus. Das Wort beinhaltet so viele Emotionen wie fast kein anderes. Dieses Wort könnte individueller nicht sein und ist doch in der Gemeinschaft so unfassbar wichtig. Dieses Wort ist der/die Superheld*in unserer Worte in ausnahmslos jeder Sprache.
Es ist die Liebe. Ohne sie fehlt uns etwas von unserem Menschsein.

Durch öffentliche Kunstformen, z.B. durch Filme, Serien, Bücher, aber auch durch private Erlebnisse, z.B. Liebe in der Familie, erstes Mal verliebt sein, erste Trennung, Beziehungen von Freuden, formt sich unsere Vorstellung von Liebe.
Wie soll eine Liebesbeziehung aussehen, die mit mir stattfindet?

Für mich wurde es im Laufe der Jahre immer deutlicher, dass ich es kaum zulassen konnte eine Person mich lieben zu lassen oder auch mir zu erlauben mich auf sie/ihn einzulassen.
Liegt es daran, dass ich mich nicht selbst genug liebe? Ist das der Grund, warum ich mich so eingeengt fühle, wenn eine Person zu nah an mich herankommt?
In Jahren des Single Daseins, hat sich nichts verändert, obwohl ich dachte, dass das die Lösung sei.
„Wenn keine andere Person mir Liebe von Außen schenkt, muss ich mich automatisch mehr mit mir selber beschäftigten und weiß bei meiner neuer Beziehung dann endlich, was ich brauche“, dachte ich mir. Klar hatte ich vermehrt Zeit für mich, was mir auch gezeigt hat, dass alleine sein eine Bereicherung sein kann, gerade weil man aufgeschobene Gedanken gezwungenermaßen bearbeiten muss.
Nur dadurch, dass einfach keine neuen Erfahrungen in Sachen Beziehung geschaffen wurden, verblassten die Erinnerungen an alte Beziehungs- Situationen zunehmend. Der Vorteil davon war, dass auf dem Beziehungsblatt wieder Platz für neue Geschichten war. Mit der neu gewonnen Zeit, mit der ich meine Gedanken sortieren konnte, kam ich zu dem Schluss, dass ich erst weiß, was ich in einer neuen Beziehung brauche, wenn ich weiß mit welcher Person ich es zu tun habe.
Wie soll ich denn in meinem Kopf Szenarien durchspielen, wenn der zweite Hauptcharakter fehlt?

Ideale Idiotie

Das, was mir – auch in der Vergangenheit auch außerhalb von Beziehungen oft geschadet hat, war mein Perfektionismus.

Es entstehen oft Sorgen an Stellen, wo der Perfektionismus einsetzt.
Denn wenn ich nicht nur an meine Verhaltensweisen einen Perfektionsanspruch hege, sondern auch an meine Beziehung, dann entstehen schon Hürden bei den kleinsten Unstimmigkeiten.
Ich fühle mich wie die Idiotin, die an Idealen festhält, bei denen sie sich selbst nicht sicher ist, weil sie die eigenen Ideale nicht erfüllen kann.

Das was mir fehlte war es von Idealen loslassen zu können. Der Perfektionismus, der mein eigenes Idealbild von mir umfasste, habe ich auf meinen Gegenüber übertragen. Gleichzeitig habe ich Fehler an meinem Gegenüber gesucht, um mich daran zu erinnern, dass ich mich nicht von einer fehlerhaften Person abhängig machen sollte. What the fuck?
Ist es das, was alle Welt „Bindungsangst“ nennt?

Die Tücke an Perfektionismus ist, dass er Zustand der Perfektion nie erreicht werden kann. Mein Blick ist getrübt von einengender Subjektivität, die den Anspruch „Ich muss perfekt sein“ beinhaltet, nur um nicht kritisiert werden zu müssen. Denn Kritik würde bedeuten auch in unangenehme Situation zu gelangen; im zwischenmenschlichen Sinne würde es vielleicht sogar Streit bedeuten.
Der Perfektionismus verschleiert tiefe Wahrheiten und hält ein Bild aufrecht, was es nicht wert ist zu pflegen: Welche Beziehung ist perfekt? Und ist es nicht eine Sichtweise, die eine Selbstreflexion und eine tief gehende Auseinandersetzung mit dem Gegenüber unterbindet?


Selbst wenn mein/e Partner*in alle meine Ansprüche erfüllen würde (wo teilweise Gedanken lesen mit inbegriffen ist) dann würde ich mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht denken, dass meine Beziehung zu dieser Person perfekt ist. Sie wird es niemals sein. Und das ist gut so, denn wahrscheinlich wäre das „perfekt“ eine gegenseitig nährende Langeweile und Meinungslosigkeit, was in einer Beziehung wohl eher Gift ist.
Oder was meint ihr?
Es ist sehr wichtig bereit zu sein seine eigenen Ansprüche nicht mit der Beziehung zu verwischen, dabei darf die Selbstreflexion nicht zu kurz kommen:
„An welchen Stellen liegt es an mir und meiner Unfähigkeit meine Fehler zu bearbeiten, die ich stattdessen auf den anderen projiziere?“
Oder „Womit hat die andere Person mich verletzt und wie kann ich ihm/ihr das mitteilen? Wie finde wir eine Lösung?“
Das, was ich mit mir besprechen musste, gehörte nicht in eine Beziehung, so dachte ich.
Diese Annahme hat sich jedoch nicht als wahr erwiesen.
Klar, jeder hat Geheimnisse und Gedanken, die man nur mit sich selbst bespricht, aber es ist durchaus einfacher (wenn man es denn dann ausgesprochen hat) die andere Person an dir teilhaben zu lassen.
“Sharing is caring“ bekommt dafür eine neue Bedeutung – wenn ich etwas von mir teile, zeige ich nicht nur, dass es mir wichtig ist.
Ich zeige mit meinem Teilen auch, dass es mir wichtig ist, dass die Person versteht, was mit mir los ist, falls es für eine zukünftige Situation eine Bedeutung bekommt.

Früher hielt ich mich, anstatt darüber nachzudenken an anderen Gedanken fest:
Die andere Person konnte für mich nie perfekt sein, weil ich es ebenso nicht bin – aber wie ein bockiges Kind wollte ich, dass es so ist.
(Das betrifft in dem Fall eine Beziehung, wo die Partner*innen gleichberechtigt sind, sich nicht durch toxische Züge in ein Ungleichgewicht bringen und forcieren sich gegenseitig zu verletzen).
Dazu gehört auch die Grenzen des anderen zu akzeptieren und die eigenen nicht zu vergessen.
Beim Perfektionismus wird das überschritten und ich greife eventuell in Angelegenheiten der anderen Person ein, nur um ein Idealbild aufrecht zu erhalten. Dieses Idealbild ist es nicht wert seine Beziehung(en) dafür aufzugeben.

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