Schön für mich?

Was ist, wenn man keinen extrinsischen Grund hat sich hübsch zu machen?
Da ich in meiner Quarantänezeit viel Zeit und keinerlei Sozialkontakte hatte, hätte ich die Chance ergreifen können mich „verwahrlosen“ zu lassen – zu Mindestens zwei Tage länger keine Haare waschen als sonst. Anfangs habe ich diese Chance genutzt, doch mit der Zeit war das kein so befriedigendes Gefühl wie ich es gedacht habe. Auf dieses „Verwahrlosen lassen“ habe ich mich aus dem Grund gefreut, da ich mich frei von gedanklichen Zwängen machen konnte, da die Frage „Was denken andere über mich?“ für eine gewisse Zeit nicht existent war. Doch es ist keine Freiheit, die man gerne hat, denn darunter leidet die Motivation sich für sich zu pflegen.
Was ist, wenn ich mich schön für mich mache?

Im Alltag bin ich auch eher in dem Team, das mit Jogginghose/Sport-Leggings, ungeschminkt mit wirrem Knödel-Dutt und bequemen Schuhen das Haus verlässt, aber am Wochenende (und selten an Wochentagen) habe ich Lust mich zu schminken und figurbetonter anzuziehen. Das ist meine Art mich „Hübsch machen“ und das löst dieses Gefühl vorm Spiegel aus, wo ich mich darauf freue mich der Welt zu präsentieren. Vorausgesetzt man hat einen guten Tag, ein gutes Selbstwertgefühl und ein gutes Selbstbewusstsein.
Doch sind diese Kriterien erfüllt, dann löst an diesen genannten Tagen das „Hübsch machen“ richtige Endorphine aus. Ich kreiere die äußerlich beste Version von mir selbst, die ich dann genießen kann. Ein Tag voller Zufriedenheit mit sich und seinem Aussehen kann den Selbstliebe- Akku fürs erste ein wenig auffüllen.

Get yourself someone who looks at you the way I look at this orange!
It will better be yourself first.

Das äußere Erscheinungsbild stark zu kontrollieren, z.B. durch häufige Friseurbesuche, exzentrisches Schminken, perfekte Kleidung usw. wird meiner Erfahrung nach oft als eitel oder arrogant betrachtet, aber es geht nicht um die ausschließliche Konzentration auf das Aussehen.
An diesem Tag ging es für mich darum mich wohl in meiner Haut zu fühlen und darauf zu hören, was ich brauchte. Ich brauchte eine ausgiebige Dusche mit Gesichtsmaske, Peeling und wohlriechender Creme, eine Haarmaske, dezente Mascara, aber auffälligen Lippenstift und ein figurbetontes Outfit. Mit lauter Musik konnte ich gutgelaunt ein wenig durch das Haus tanzen und mich freuen, da mir mein Spiegelbild gefiel. Ich beschloss Fotos von mir zu machen – aber keine Handy-Selfies, sondern der gute Fotoapparat wurde herausgeholt. Meinen Bruder konnte ich schließlich überreden ein paar Bilder von mir zu machen. Und ich fühlte mich gut, denn ich fühlte mich in meiner Haut so wohl wie lange nicht mehr. Ohne Zeitdruck konnte ich den ganzen Tag mit mir verbringen, ohne dass mir langweilig wurde. Das war ein ganz neues Erlebnis für mich nach einer turbulenten Zeit. Die Sonne strahlte heller, die Blätter wirkten grüner und die Luft ließ sich besser atmen.
Dieser Tag gehörte meiner guten Laune und meinem Optimismus.

Im Nachhinein schämte ich mich für mein „Ich fühle mich schön und attraktiv“, denn es kam mir albern vor. Wozu das Ganze?
Natürlich kann ich meine Fotos bei Social Media teilen, auf Reaktionen von anderen Personen hoffen, aber was würde mir das für mich bringen?
Es fühlt sich nicht ehrlich an zu sagen, dass ich es für mich tue. Ich bin aus meiner Euphorie entrissen worden, denn es ist nicht mehr der Tag der Selbstliebe. Die Selbstzweifel verdrängen meine Euphorie über dieses positive Selbsterlebnis.
Was kann ich tun, um diese Euphorie zurückzuerlangen?
Wäre es vielleicht aus den Zweifeln heraus gut die Fotos zu posten, um mich daran zu erinnern wie es war, als ich mich selbst gut fand an diesem Tag?
Ich mache mich schön für mich, damit ich mich an Tagen, wo ich vergesse mich von Innen oder Außen schön zu finden, erinnern zu können, dass ich schön sein kann.
Die Frage „Was denken andere über mich?“ sollte nicht erneut in meinen Fokus geraten, denn durch diese Frage denke ich, dass ich durch das Posten solcher Bilder als „Oberflächlich“ und „Selbstsüchtig“ abgestempelt werde oder schlimmer noch: Ich erkenne, dass ich nicht schön bin und bin am Ende verletzter als vorher. Durch äußere Reaktionen würde die Wahrheit, die ich nicht erkennen kann, ans Licht kommen. Was ist wenn ich mich mit falschen Augen sehe?
Mein Aussehen ist bei weitem nicht alles, aber es ist ein Bestandteil meiner Identität.
Denn das äußere Erscheinungsbild ist die Wiedererkennung meiner Person und nicht jeder hat tiefsinnigere Information über mich und meine Gedanken hinter der Fassade, sodass nur noch die Bewertung des Äußeren stattfindet. Und ob ich es möchte oder nicht..das Innere und das Äußere beeinflussen sich gegenseitig. Das eine kann ohne das andere nicht existieren. Die äußere Fassade schützt das Innere – und mache ich mich nicht verletzlicher, wenn mein Innenleben meinem äußeren Erscheinungsbild entspricht und wäre gegensätzliches Verhalten zu meinen Gefühlen?
Die zweifelnden Gedanken führen zu einer Verunsicherung, die weder für mich noch meine Außenwelt einen Nutzen haben. Außerdem gibt es auch ein Lebensszenario, was ich schon oft durchlaufen habe (wie wahrscheinlich Millionen andere Menschen auch), wo man versucht seine eigene negative Gefühlswelt zu überschminken, damit es niemand merkt wie meine Realität gerade ist. Meistens hat es seinen Zweck erfüllt und man fühlte sich zwar genauso schlecht wie vorher, wurde darauf aber nicht angesprochen. In manchen Fällen hat diese Dissonanz zwischen dem Innenleben und dem äußeren Erscheinungsbild jedoch dazu geführt, dass das „schöne Äußere“ die Stimmung wieder gehoben hat. Das eine kann ohne das andere nicht existieren.
Es ist menschlich Probleme oder auch negative Stimmungen für sich behalten zu wollen.
Es macht mich nicht weniger authentisch und ich sollte lediglich darauf achten, worauf ich Lust habe.

Ich habe von der äußerlichen Schönheit eine eigene Vorstellung und dieses Bild in meinem Kopf übertrage ich auf die Ansprüche an meine eigene Schönheit. Stichwort – Perfektionismus!
Oft wird Schönheit mit Oberflächlichkeit in Verbindung gebracht, da der Fokus weg von der viel wichtigeren, charakterlichen Schönheit gelenkt wird.
Trotzdem ist meiner Meinung nach das Wohlfühlen in seinem Körper durch seine eigene Schönheit, die man in dem Moment erkennt, ein wichtiger Nährboden für die Selbstliebe.
Dieses Erkennen der eigenen Schönheit (ob im Gammellook oder in der Abendgarderobe) führt dazu das Grundbedürfnis von Liebe und Akzeptanz nur durch sich selbst zu erfüllen. Ich schaffe keine Abhängigkeit, denn ich bin mir in dem Moment selbst genug.

Das „Hübsch machen“ ist ein aktives Auseinandersetzen mit dem eigenen Körper. Durch das Eincremen schaue ich intensiver in den Spiegel und sehe vielleicht eine neue Sommersprosse oder einen neuen Leberfleck, der mir im Eifer des Gefechts nicht aufgefallen wäre. Durch das Überlegen, was ich am besten anziehe, achte ich mehr darauf, welche Schnitte meiner Körperfigur schmeicheln. Ich schaue mich an wie ich bin und vergesse mich nicht im Spiegel zu sehen. Die Isolation zu den Sozialkontakten und die Isolation zu außenstehenden Meinungsbildern bedeutet nämlich nicht, dass ich diese Auseinandersetzung mit mir pausieren muss. Und wenn ich ein Bild von mir posten möchte, was ich als „schön“ bezeichnen würde, dann sollte ich es tun. Schön für mich sein kann mich nur stärken, denn dann kann das Innere nur von dieser Erkenntnis Gebrauch machen.
Das wünsche ich mir von mir – das ich mich so annehmen kann wie ich bin – angefangen bei dem äußeren Erscheinungsbild bis hin zum charakterlichen Innenleben.

Mein neues Mantra sollte sein: Es ist okay sich schön zu fühlen und das zu zeigen!
Was ist dein Mantra, wenn es um die eigene Empfindung von Schönheit geht?


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