A w A k E

facetune_04-10-2018-19-36-05
Awake, restless, serious, pensive.


1. Schlafensgehzeit!
Eingekuschelt in meine beiden Decken, liege ich in meinem Bett. Entweder habe ich noch eine Folge meiner Lieblingsserie geschaut oder ein paar Seiten in meinem aktuellsten Buch gelesen, bevor ich meine Augen geschlossen habe. Mein Körper fühlt sich schlaff und erschöpft an, braucht wie jede Nacht eine Erholung vom Tag. Wer kennt es nicht, dass das Gehirn trotz des Erschöpfungszustandes des Körpers erst so richtig aufdreht? Der Wunsch nach dem Schlaf wird nicht erfüllt, da sich plötzlich Erinnerungen aus dem Verstand schälen, die ursprünglich als verarbeitet gegolten haben. Als zweite Abendüberraschung malt das Gehirn sich zukünftige Szenarien aus, an die man selbst tagsüber nicht denken wollte. Eine innere Unruhe entsteht und Bilder blitzen vor dem inneren Auge auf, die einen aufwühlen. Eine Zeit lang lasse ich mich von den Gedanken mitreißen und wälze mich im Bett umher in der Hoffnung auf einer Seite die Ruhe wiederzufinden. „Ich bin müde und will endlich schlafen!“, denke ich. Sich aufzuregen macht es allerdings nur noch schlimmer.

Was kann ich tun?

Leider gibt es keinen Ausschalter der Gedanken, aber es wird Zeit gegen die aufwühlenden Gedanken anzugehen. Die schnelle Abfolge von Blitzgedanken gilt es zu verlangsamen. Oft hilft es mir mich auf meine Sinne zu konzentrieren und mir etwas vorzustellen, was mich beruhigt. Meistens ist es ein Wasserfall, der in mir beginnt zu rauschen. Ich sehe wie das Wasser an den Felswänden entlang fällt, höre die Wasserströme, rieche den Geruch von nassen Steinen und Algen, schmecke das frische Wasser und fühle die Kälte und das Nass der Wassertropfen in meinem Gesicht. Meine Gedanken kreisen nur noch um den Wasserfall, der meine anderen Gedanken davonplätschern lässt. Gelingt es mir nicht, gehe ich meine Sinne mehrere Male durch und versuche mich an einer Art Selbsthypnose. An schlechten Einschlaftagen hilft mir der Versuch jedoch nicht. Jedes kleinste Geräusch und kleinster Lichtstrahl kann störend sein. Wenn nicht Mal Lesen hilft, obwohl die Augen vor Müdigkeit am Austrocknen sind, dann wird das Einschlafen noch lange dauern. Jede Minute Schlaf kommt einem vor wie ein Goldschatz, wenn man Probleme beim Einschlafen hat. Inzwischen hängt sogar ein Säckchen mit Lavendel neben meinem Bett, da der Geruch eine beruhigende Wirkung auf mich hat. Fehlen mir vielleicht nächtliche Rituale? Sollte ich anstatt einen Regentanz eine Art Schlaftanz veranstalten oder Gute-Nacht Lieder singen?

Selbst wenn ich es dann geschafft habe, heißt es nicht automatisch, dass man ausgeschlafen ist. Saß ich gestern gar nicht auf der Couch und habe Netflix geschaut, sondern war ich feiern und habe einen über den Durst getrunken? So fühlt es sich nämlich an. Darf ich meinen Körper nicht zwingen zu schlafen, sondern sollte ich mich fügen und den Schlafmangel akzeptieren? Steht am nächsten Tag ein großes Ereignis an und ich kann vor Aufregung nicht einschlafen, dann habe ich einen Grund, warum ich es nicht kann, was mich auf eine seltsame Art und Weise beruhigt.  Ist die Frage „Warum?“ beantwortet, stellt sich ein sicheres Gefühl ein, denn ich meine zu Wissen, was in mir vorgeht. Kann ich keinen Grund nennen, warum ich weder gut einschlafen kann noch warum ich nicht erholsam schlafe, dann verbreitet sich ein unsicheres Gefühl in mir. Wenn es keine offensichtliche Ursache ist, muss ich tiefer in mich hineinschauen. Wie so oft muss ich mich selbst mit Gedankengängen konfrontieren, um die Quelle der Unruhe auszumachen. Ich stelle Theorien auf, denn vorerst muss ich herausfinden ob ich wegen vergangenen oder aktuellen Ereignissen unruhig bin. Die abendlichen Gedankengänge müssen nicht negativ sein. An manchen Tagen habe ich sogar das Gefühl, dass der Tag nicht ausreicht, da ich gewisse Gedanken nicht zu Ende gedacht habe, die ich gerne zu Ende gebracht hätte. Der Schlaf unterbricht dann meinen „Flow“ an Gedanken. Erst wenn sie sich zu Gedankenschleifen entwickeln und mich grübeln lassen, dann wirkt sich das kontraproduktiv auf meinen Schlaf aus.

Der Schlaf ist eine Wissenschaft für sich. Täglich schlafe ich 8-9 Stunden, die wie im Fluge vergehen, wenn ich dann einschlafen konnte und nicht ständig in der Nacht aufwache. Was sich kurzweilig anfühlt, ist ein großer Teil meines Lebens. Ein Wimpernschlag und 8 Stunden meines Tages sind vergangen als würde es sie nicht gegeben haben. Die restlichen 16 Stunden sind meine aktive Teilnahme am Tag – so denke ich zu Mindestens. Was ist, wenn mein Unterbewusstsein mich lenkt wie in meinen Träumen? Es fühlt sich an als würde ich selbstgesteuert denken und handeln, aber kommt es nicht wie beim Träumen aus den Tiefen meines Bewusstseins? Was steuert mich? Ich möchte nicht dauerhaft unkonzentriert zu sein. Beispielsweise vergesse ich gelegentlich die Namen von mir schon lange bekannte Menschen, was durchaus peinlich werden kann. Es fühlt sich an als wäre mein Gedächtnis ein Sieb, nur dass dieser Sieb nicht nur überflüssiges Wissen aussiebt, sondern auch wichtige Termine aussortiert.  Bin ich müde und sind meine Augen getrübt, mache ich schneller Fehler und könnte mich in unangenehme oder gefährliche Situationen bringen. Wenn ich die Straße überquere, ohne den Verkehr aufmerksam zu verfolgen, kann ich mit höherer Wahrscheinlichkeit angefahren werden. Der Schlaf ist meine eigene Absicherung meiner Konzentrationsfähigkeit, meiner Laune und meiner Belastbarkeit. Fehlt er, so gerät mein biologisches System ins Wanken, da es sich nicht erholen konnte.
Mein Wachzustand ist die einzige Möglichkeit meine bewusste Gehirnaktivität zu nutzen.
Diese Autonomie möchte ich mir nicht von meinem Schlafmangel nehmen lassen.
Es ist die fehlende Schlafroutine, die mich wanken lässt. Es heißt: „Der Mensch ist ein Gewohnheitstier.“ Ich denke, vor allem der Körper ist ein Gewohnheitstier, denn seine Bedürfnisse sollen bestenfalls gleichermaßen und regelmäßig erfüllt werden. Kaum habe ich eine Woche eine geregelte Schlafengeh- und Aufstehzeit schlafe ich besser – ist das immer der Fall? Der Schlaf ist unberechenbar, so wie meine Gefühle.


2. Der Film „Wach“
Apropos Schlafen und Wach sein:
Vor einigen Tagen habe ich auf Youtube den Film „Wach“ von Kim Frank, produziert vom ZDF/Das kleine Fernsehspiel und Funk, geschaut.
In dem Drama starten die 17-jährigen Freundinnen Charlotte (C.) und Nike das Experiment ohne Drogen so lange wach zu bleiben, wie sie können. Es ist ihr Ausbruch aus dem Ghetto, in dem sie wohnen, aus ihrer Perspektivlosigkeit und aus ihrer scheinbar sinnlosen Existenz. Die Schlaflosigkeit der beiden ist anfangs ein Rausch von Macht über sich selbst, der jedoch nicht die Realität verdrängen kann. Auf der Kamera dokumentieren die beiden ihre Erlebnisse, die ihre Höhen und Tiefen im Leben aufdecken.

C. und Nike dokumentieren ihr Wach- Experiment mit der Kamera. Es wirkt wie ein Dokumentarfilm durch die subjektive Kameraeinstellung von C. und Nike im Wechsel, die den Zuschauer das Gefühl gibt im Geschehen involviert zu sein. Teilweise werden jedoch auch Sequenzen von Videos oder Interviews eingeblendet, wo ein Voice-over von C. miteingespielt wird oder die Kameraführung wechselt in Totale Aufnahmen.Die Voice-overs und die eingebledeten Videos (etc.) sind fester Bestandteil des Filmes und sind die ausschlaggebenden Momente, in denen existenzielle Fragen
Was ist meine Rolle als junger Mensch auf dieser Welt?
und aktuelle, tabuisierte Themen
Flüchten wir uns in den Konsum und in Pronos, als das wirkliche Leben zu leben?
angesprochen werden.
Der Film setzt sich mit dem gesellschaftlichen Konsumverhalten in Bezug auf Werbung, Profit und der resultierenden Veränderung des Verständnisses des eigenen Lebens auseinander. Es wird auch die Lieblosigkeit in Beziehung und die Vermarktung von Sex thematisiert. In erster Linie geht es jedoch um die beiden Protagonistinnen die aus der unteren Gesellschaftsschicht kommen und aus ihrem Leben ausbrechen wollen, um sich zu finden und ihr Leben mit Bedeutung zu füllen. Allerdings wird meiner Meinung nicht genug auf die eingeblendeten Informationen, z.B. Tiervideos, dokumentarische Videos, Lehrvideos etc., eingegangen. An der Stelle wäre eine längere Ausführung der Kritik angebracht, genau wie es mich als Zuschauer interessieren würde, was die Beweggründe der Protagonistin sind, diese Gedanken zu haben, was nur teilweise erkennbar ist.

Die wechselhafte Kameraführung hingegen macht die Handlung spannender und als Zuschauer kann man sich besser in die Lage der Protagonisten versetzen, die in elektrisierende als auch in gefährliche Situationen geraten. Neben der erzeugten Spannung durch die Kamera, ist der Film in einem eher dunkleren Licht gedreht, was eine bedrückende und erwartungsvolle Stimmung bewirkt.
Zu guter Letzt finde ich, dass die beiden Schauspielerinnen die Charaktere, ihre intensiv Freundschaft und auch die Zwiespältigkeit zwischen Freude und Verzweiflung gut darstellen.

Resümierend finde ich, dass die provokativen Denkanstößen reflektierter dargestellt werden könnte, aber ich finde die Kritik interessant und habe sie in meine Gedanken aufgenommen. Wenn du Filme magst, die sich außerhalb der Norm bewegen und einfach mal etwas anderes ist, dann ist dieser ein guter für dich. Wenn du abends nicht schlafen kannst, wach und unruhig bist, dann schau‘ diesen Film und sei mit den Protagonisten zusammen wach.

3.Die Jagd nach Hormonen
ein von mir geschriebener Innerer Monolog von C. aus dem Film „Wach“
Wir haben keine Kontrolle über unseren Schlaf oder über das Einschlafen, sondern nur über das Wach sein. Es ist eine Illusion, die Kontrolle über sein Verhalten zu haben, denn wir werden ständig beeinflusst. Bist du unglücklich, dann musst du dir ein neues Lebensgefühl erkaufen, bist du unzufrieden mit dir selbst, kaufst du dir neue Klamotten, fühlst du dich einsam, schaust du dir deine Likes auf Instagram an. Im Leben gilt es nichts zu pauschalisieren, jeder Mensch ist individuell und reagiert auf unterschiedlichste Reize und ist auf andere Art und Weise beeinflussbar, doch im Grunde jagen wir unsere Hormone. Dopamin fürs Glück, Melatonin für den Schlaf, Adrenalin für den Kick – sie erhalten uns und unseren Stoffwechsel am Leben, doch sie sind der Ursprung der Sucht. Ist es die Werbung, die uns in den Konsumrausch führt? Sind wir es nicht selbst, die ständig auf der Suche nach Rausch sind? Sind es die Ängste, die mich nachts wach liegen lassen? Gefühle mit Drogen betäuben, zerstreut die Probleme nicht. Unsicherheiten mit Kleidung zu kaschieren, verändert deine innere Haltung nicht. Ängste mit Ablenkungen zu verdrängen, löst sie nicht in Luft auf. Wir alle wissen es und tun es trotzdem.. Selbst wenn wir glücklich und zufrieden wäre, dann könnten wir nicht genug kriegen. Erst nach dem Kauf der neuesten Schuhe könnten wir aufatmen, denn erst dann ist unser Gefühl ein leichteres.
„Jede Minute wird in Deutschland ein Kind geboren.
Einer mehr dem eingeredet wird er braucht das neue iPhone [..].
Einer mehr der sich selbstverwirklichen muss.
Du kannst schön sein, wenn du den Lippenstift kaufst.
Du kannst jemand sein wenn Du diese Klamotten kaufst. Dieses Auto. Dieses Haus. Hoffnungen machen Sie uns. Falsche Hoffnungen. Und wir fallen drauf rein.“
(Zitat C., 18:42; Film Wach)
Unser Glück braucht nicht nur seinen  eigenen Wert, sondern wir müssen es mit materiellem Glück verbessern. Ohne Konsum fühle ich mich leer, denn es fehlt der Rausch. Vom täglichen Hoffen auf den nächsten Tag, der ein bessere zu werden verspricht, werde ich müde, anstatt wach. Egal ob es ein guter oder schlechter Tag war- ich brauche meinen Schlaf, denn ich brauche eine Denkpause. Hoffnungen habe ich in meinen Schlaf gesetzt, der mich in eine andere Dimension getragen hat, weit weg von meiner wachen Realität. Das Unterbewusstsein hat die Macht und bastelt aus meinen Erlebnissen, Gedanken und Gefühlen einen 8 stündigen Film, der in mir abgespielt wird. 8 Stunden Zuschauer seiner Selbst sein, dann fängt es wieder an: Das Verlangen nach mehr. Ich brauche den Konsum, um mich selbst zu vergessen. Die Jagd nach Hormonen hört nie auf. Doch dieses eine Mal wollte ich wach sein und meine wache Realität fühlen, anstatt ihr mit Leere zu begegnen. Nike und ich werde das Wachsein für uns selbst durchziehen, denn wir wollen ab heute selbstbestimmt sein. Ich will mich selbst jagen, ohne mich einzuholen, will mich selbst bestrafen, ohne mir weh zu tun. Es ist mir egal, was mit uns passiert, so lange ich meinen Puls fühle, Nikes Lächeln durch die Linse meiner Kamera sehen kann, den Rauch meiner Kippe schmecke und die Kälter der Nacht auf der Haut fühlen kann. Mein Bewusstsein soll in eine andere Art Rausch geraten: In den Rausch der Freiheit. Ergibt es Sinn in dieser schnelllebigen Welt stehen zu bleiben? Wir verdecken alle Uhren, als würde es die Zeit nicht geben, denn wir bleiben wach. Da ist niemand mehr, der Nike und mir die Zeit vorschreiben kann, in der wir leben, niemand mehr, der uns mit Regeln erdrücken kann. Die Zeit schränkt uns nur ein, macht uns Hoffnung, dass wir heilen, aber ich bleibe stehen, denn ich will mich erleben, ohne auf die Uhr zu schauen. Normalerweise schaue ich auf Uhr, doch es ist gleichgültig welches Datum oder welches Jahr ist, denn es fühlt sich an, als würde nichts passieren. Unsere Wohnung ist im gleichen Plattenbau wie sonst, mein Weg zur Schule ist der gleiche, wir rauchen immer noch den gleichen Scheiß, das Geld fehlt in unseren Portemonnaies und wir warten auf Veränderungen. Je mehr ich darüber nachdenke, desto unbedeutender fühle ich mich. Was soll aus uns Kindern werden, deren Leben seit Beginn ihrer Lebenszeit keinen Sinn in ihrem Leben sehen? Es scheint als hätten wir bereits die dunkelsten Abgründe gesehen, aber was ist wenn das erst der Anfang war? Diese Angst umschließt mich, denn ich sehe in diesen Abgründen keine Zukunft. Ich will gesehen werden, raus aus dieser Scheiße und nicht in diesem Zyklus gefangen sein. Existenz und Leben verschmelzen zu einem, allerdings ist meine Existenz seit meiner Geburt gegeben und diese mit Leben zu füllen ist meine Entscheidung. Ständig bombardiere ich mein Gehirn mit Fragen, suche nach dem Sinn und meiner Erfüllung im Leben. Doch ich finde keine Antworten. Ich bin eine Suchende und gehe das Risiko nur auf weitere Leere zu treffen. Ich bin Carlotta und ich bleibe wach.

facetune_04-10-2018-17-13-36
Tired. Sleepy. Dreaming.

2 Kommentare zu „A w A k E

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