Es sind nur Haare!

Seit zwei Jahren habe ich nun kurzeHaare. Seit dem probierte ich wild Frisuren aus und färbte meine Haare hellblond, dann fast weißlich und grau. Es sind nur Haare, aber irgendwie auch nicht.

Meine Haare abzuschneiden war ein kurzer und schmerzloser Akt. Meine Friseurin fragte noch ob ich mir wirklich sicher sei diesen Schritt zu tun, bevor sie meinen braunen Pferdeschwanz abschnitt. Ich war mir zu 100% sicher. Erst zum jetzigen Zeitpunkt realisiere ich, dass ich mir bevor ich meine langen Haare aufgab mir viele Gedanken darüber gemacht habe. Mit meinen langen Haaren gab ich die Sicherheit auf mich hinter ihnen zu verstecken, was ich oft getan habe. In unangenehmen Situationen konnten die Haare als Schutzvorhang dienen, um z.B. Blicke abzuwenden oder einen Gesichtsausdruck zu verbergen. Mit meinen kurzen Haaren lockte ich mich selbst aus meiner Komfortzone heraus. Für mich sind meine

 

Haare in der Hinsicht wichtig, dass sie mir die Möglichkeit bieten mich ständig zu verändern. Die Haare formen mein Aussehen, doch wie ich merke richtet sich die äußerliche  Form nach meinem innerlichen Empfinden. Mein Anblick gefiel mir nicht mehr im Spiegel, da mir die Person im Spiegel nicht mehr gefiel. Kaum hatte ich mich von meinem braunen, „splissigen “ Unheil getrennt, hatte mich die Neugier gepackt wie ich meine innerliche Veränderung angehen konnte.

 

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Die Veränderung der Haare lässt sich sicherlich auch auf andere Beispiele übertragen. Die Kleidung eines Menschen verrät ebenfalls etwas über sein Innenleben. Ist dieser Mensch modebewusst? Ist die Kleidung des Menschen ein Erkennungsmerkmal für eine bestimmte Gruppe(-nzugehörigkeit)? Welchen Beruf hat diese Person (bei Arbeitskleidungen) ? Und noch viele weitere Fragen können durch den Blick auf die Kleidung getroffen werden, auch wenn die Antworten zunächst oberflächlicher Natur sind so lange man die Person n

icht persönlich kennt. Wenn ich mich nicht mehr wohl in meiner Kleidung fühle, weil ich mich mit ihr nicht mehr identifizieren kann, dann habe ich ebenfalls den Drang mich neu einzukleiden. Diese Entscheidung ist aber zunächst abhängig von den finanziellen Möglichkeiten als auch von dem Willen sich von Erinnerungsstücken zu trennen. Die Veränderung passiert für mich nicht kurz und schmerzlos wie bei einer Haarveränderung, da meine weggegebene Kleidung nicht nachwachsen kann, wenn ich sie wieder haben möchte.

Was für Auswirkungen hat mein Aussehen auf meine Gedankenwelt?

Ich fing an für mich selbst selbstsicherer zu werden. Dieser Prozess hört bis heute nicht auf, denn Selbstsicherheit steht und fällt mit der eigenen Selbstakzeptanz und der eigenen Wahrnehmung, die sich jederzeit ändern kann. Zudem distanzierte ich mich von allen Langhaar-Besitzern. Lange Haare kennzeichneten für mich bis dato ein typisches Mädchen, was ich nicht mehr sein wollte. Es ist dabei gleichgültig ob ein Mädchen seine Haare bewusst züchtet*, um sie als eigene Qualität anzusehen oder ob es dem Mädchen schlicht weg gefällt langes Haar zu tragen.  Für meine Freundinnen, die in meinen Augen „typische Langhaar-Besitzer“ sind, sind ihre Haare ihr Hauptaugenmerk. Früher verstand ich es nicht, warum jemand seine Haare um keinen Preis jemals abschneiden würde. „Wie kann man nicht die Neugier haben sich mit seinem Aussehen auszuprobieren? Sind sie sich zu fein?“, dachte ich. Mit dem Abschneiden meiner Haare begann ich zu verstehen: “ Warum sollte jemand seine Haare verändern wollen, wenn er mit sich so zufrieden ist wie er ist?“ Eine Zufriedenheit, die aus dem Inneren auf das Äußere einwirkt.

Mein Hauptargument meine Haare abzuschneiden war, dass sich meine langen Haaren auf meiner Kopfhaut anfühlten als würden sie mich einengen. Ich wollte mich frei und luftig um den Kopf fühlen. Plötzlich konnte ich mich hinter nichts verstecken, sodass ich ebenfalls versuchte meine Gedanken nicht mehr zu verstecken. Es war als würde ich näher zu mir finden wollen.
Ich wollte anders sein als die Mädchen aus meinem (damaligen Schul-)Jahrgang, die (bis auf ein paar Ausnahmen) stolze Langhaar-Besitzerinnen waren. Mit meinem neuen Aussehen fühlte ich mich neu. Ich wünschte mir von meiner Umgebung neu wahrgenommen zu werden. Die Kinder, die ich in einem Hort betreue, fragten warum ich eine Jungsfrisur trage und meine Freunde witzelten, dass ich auch als Junge durchgehen könnte. Ich rechnete mit diesen Bemerkungen und es gefiel mir durch sie Gespräche entfachen zu können. „Definiere ich mich als Frau durch die Länge meiner Haare?“, begann ich mich und die anderen zu fragen.
Wieso sind typische Mädchen für mich langhaarig? Und wieso habe ich eine feste Vorstellung von der „Typischen Frau“, wenn doch jede Frau für sich bestimmt, was es für sie heißt eine Frau zu sein? Wie definiere ich mich selbst als Frau?

Alles nur wegen einer Haarfrisur! Es mag albern klingen, aber meine Haare haben für mich die Funktion mich aufzuheitern. Wenn ich mit mir selber unzufrieden bin, was aus meinem Inneren rührt, dann kann ich als „Trost“ meine Haare verändern. Die innere Haltung zu ändern ist eine langfristige Aufgabe, hingegen Haare innerhalb einer Sekunde komplett anders sein können. Die Verwandlung des Aussehens ist mein Bedürfnis mich auszuprobieren. Was ist für mich der richtige Weg, um mit mir selbst zufrieden zu sein? Ich hoffe eines Tages anzukommen und zu erkennen wie ich innerlich als auch äußerlich am Besten ich selbst sein kann. Jetzt möchte ich meine Haare wieder züchten, um erneut eine Langhaar-Besitzerin zu werden. Und wer weiß- vielleicht brauchte mein altes Ich von vor zwei Jahren und mein jetziges Ich diese Erfahrungen, um diese Erkenntnisse zu erlangen. Und in zwei Jahren werde ich mit langen Haaren neben meinen langhaarigen Freundinnen sitzen und mir nicht mehr vorstellen können wie es war als ich kurze Haare hatte.

*Haare wachsen zu lassen nenne ich „Haare züchten“ oder Haarzucht, weil es nach meiner Erfahrung mit Ruhe, Geduld und Emotionen verbunden ist, sich um seine Haare zu kümmern.

 

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