Von Büchner zum Baden

#Tagebuch

Das Gefühl eine innere Leere zu haben und doch alles auf einmal zu fühlen, ist eine  innere Unruhe, die weder mit Musik hören noch mit dem Zeichnen zu bekämpfen ist. Die Dauerschleife im Kopf rattert munter weiter. Das Gefühl, das niemand auf der Welt einen versteht, ist präsent. Ich fühle mich alleine. Andauernd wird dieses Gefühl ausgelöst und schwirrt dann wie eine Alarmglocke über meinem Kopf, die mir sagt, dass ich hier nicht hingehöre. Ich fühle mich als wäre ich ständig auf der Durchreise, obwohl ich stets jede Woche an den selben Orten bin, den selben Menschen begegne, die immer gleichen Gedanken habe. Wäre ich auf der Durchreise, dann hätte ich vielleicht ein spannendes Leben. Jeden Tag würde ich neue Dinge erleben, neue Eindrücke von Natur und Menschen sammeln können, tief durchatmen können. Wie Büchner zu seiner Lebenszeit sagte: „Die Finsternis wogte über mir, mein Herz schwoll in unendlicher Sehnsucht[..]“. Eins meiner Lieblingszitate von Büchner stammt aus Dantons Tod, wo Danton auf Julies Frage „Glaubst du an mich?“, antwortet, „Was weiß ich! Wir wissen wenig voneinander. Wir sind Dickhäuter, wir strecken die Hände nacheinander aus, aber es ist vergebliche Mühe, wir reiben nur das grobe Leder aneinander ab, wir sind sehr einsam“(Akt 1, Z.10.14). Diese Einsamkeit ist die Art Einsamkeit, die ich spüre. Selbst wenn ich in Begleitung bin, selbst wenn ich ich mich einer Person hingebe, so ist diese Mühe nur ein Akt der Äußerlichkeit, da der Schutz der eigenen, sensiblen, dicken Haut keine Tiefgründigkeit zulassen kann. Es ist vergebens gegen das Gefühl anzukämpfen, da man in Zweisamkeit keiner Einsamkeit entfliehen kann. Was ist das in mir, was mich so leblos macht?

Das einströmende Wasser in die Badewanne hört sich an wie ein sprudelnder Wasserfall, der seine blau glänzenden Tränen an einen Fluss abgibt, der sich durch die Täler schlängelt und die Erde befeuchtet. Die Sehnsucht pflanzt sich hinter meiner Stirn im Zentrum des Denkens an. Den Wasserdampf auf meinem Gesicht spürend, stelle ich mir vor aus dem Zugfenster zu schauen und die Weiten der Felder vor mir zu sehen. Das Rattern der Zugräder auf den Schienen löst in mir ein entspannendes Gefühl aus, obwohl ich meistens nur das Ruckeln spüre, anstatt es zu hören, da ich meine Ohren gewohnheitsmäßig mit den Schallwellen der Musik betäube. Der Geruch vom Sommer, vom frischgemähten Gras, vom angezündeten Grill kriecht in meine Nasenlöcher und für einen Moment kehrt in mir eine Ruhe ein. Schnell öffne ich meine Augen, um mich zu vergewissern, ob ich den Wasserhahn zudrehen muss, damit die Badewanne nicht überläuft. Noch benebelt von den lebhaften Sommerträumen schaue ich in die Badewanne, die fast bis zum Rand mit Wasser befüllt ist und über und über mit Schaum bedeckt ist. Die einst geschenkte Badekugel kann heute ihre Premiere feiern und macht der Beschreibung des „Schaumbads“ alle Ehre. Es ist eine Ausnahme, dass ich überhaupt in Erwägung gezogen habe zu baden, da ich ein absoluter Duschmensch bin. Einmal im Jahr kann ich mich jedoch dazu aufraffen ein Bad zu nehmen und heute sollte wohl dieser Tag sein. Nachdem ich nachdenklich in den Schaum gestarrt habe, streife ich mir meine Kleidung ab, lege sie auf den Boden und drücke auf „Play“, sodass eine Melodie des ersten Liedes meiner Playlist den Raum erfüllt. Zögerlich wage ich mich in das warme Badewasser hinein. Zuerst versinken die Füße, dann die Oberschenkel, dann der Bauch samt Bauchnabel, dann die Arme und schließlich die Schulter in dem orangenen Wasser. Nur mein Kopf guckt noch aus dem Schaumbad heraus. Nach einiger Zeit des ruhigen Liegens im Badewasser schwebt der eigene Körper nur in den Wasseratomen als würden sie sich an die eigenen Form anschmiegen wie die Luft es tut. Einerseits entspannt die Wärme des Wassers die von der Woche erschöpften Glieder, andererseits erscheint meiner Haut die dauerhafte Wärme fremd. Ich möchte schwitzen, kann es aber nicht, da ich ja im Wasser liege. Plötzlich spüre ich wie meine Brust auf und ab tanzt. Der Rhythmus meines Herzschlages ist deutlich in der Hebung und Senkung des Brustkorbes wahrzunehmen. Mein Herzschlag hat alles andere als eine beruhigende Wirkung auf mich- im Gegenteil: Ich hasse das Geräusch und das Pumpen des Herzens. Wenn ich einen Herzschlag höre, dann habe ich immer Angst, dass dieses Geräusch unerwarteter Weise abrupt stoppt( Drama baby, Drama). Während meines Versuches eine Entspannungsphase aufzubauen, driften meinen Gedanken wieder ab. Ich versuche wieder an die Sommergefühle in mir heranzukommen. Mir hat diese Ruhe gefehlt. Einen Moment Ruhe brauchte ich für mich. Diese Ruhe macht mir Angst, aber manchmal gewinnt der Körper  gegen den Kopf. Ich versuche meine Gefühle zu akzeptieren.

Die Hitze der Badewanne fängt an meinen Kreislauf anzugreifen. Ich entscheide mich aus der Badewanne auszusteigen, da die Hitze wie ein Bauklotz auf meiner Brust liegt und meine Atemwege zuschnürt. Ruckartig erhebe ich mich aus der schaumigen Brühe, bemerke aber erst im Stand wie wackelig meine Beine von der Hitze geworden sind. Langsam neige ich meinen Kopf zum Spiegel, in dem ich mein Gesicht und meinen schaumbedeckten Körper wiedererkenne. Das Badeerlebnis ist zu Ende. Heilfroh aus der Wanne heraus zu sein, wickle ich meinen Körper in meinen Bademantel, ziehe in meinem Zimmer meine Jogginghose und ein T-Shirt an und lege mich in mein warmes Bett. Bevor ich einschlafe denke ich noch weiter, bis mein Gehirn endlich den Ausschalter gefunden hat.

 

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