Schwarz auf Display

Nichtsahnend schlender ich durch die Feldwege. Kopfhörer im Ohr, Wasserflasche in der Hand, Sonnenbrille auf der Nase. Die Sonne scheint mir ins Gesicht und ich fühle wie sich meine Vitamin- D- Speicher einmal wieder so richtig füllen. Der Wind kitzelt meine Nase und seit langem fühle ich mich in der Natur wieder geborgen, anstatt unerwünscht. Normalerweise signalisiert einem das Deutschlandwetter, dass man sich ja nicht aus dem Haus wagen sollte, denn ansonsten wird man mit heftigen Regengüssen, Gewitter und eisigem Nordseewind bestraft. Doch seit kurzem scheint die Natur wieder versöhnlicher gestimmt zu sein – mein Glück. Die Farben der Frühblüher kommen in dem gelben Sonnenlicht viel besser zur Geltung und die Frühlingsgerüche werden nicht so schnell vom Wind vertrieben wie sonst, sondern erfüllen die ganze Stadt.

Diing- der Bildschirm wird hell und eine Whatsapp Nachricht ploppt auf. Meine Träumerei während des idyllischen Spaziergangs wird unterbrochen. Während meine Augen die Nachricht überfliegen, erhöht sich mein Puls schlagartig. „Wie kannst du nur..?“, ist die Vorschau der Nachricht und ich weiß direkt, dass ich mal wieder irgendwas vergessen habe. Auch wenn es nur eine Nachricht ist, lässt sie einen doch nicht kalt. Die Daumen fliegen nur so über den Touch-Screen, damit sich die Zeilen schneller vervollständigen. Die Umgebung, die ich mit fortschreitenden Schritten passiere, nehme ich kaum mehr wahr.
Egal wie sehr die Leute darüber reden, dass die Handynachrichten eine immer größere Distanz zwischen Sender und Empfänger schüren als dass es sie zusammenbringt, man kann nicht behaupten, dass diese Nachrichten keine immer größere Bedeutung bekommen. Das Display depersonalisiert zwar die Konversation, aber im Endeffekt bleiben es die selben Aussagen nur ohne Gesichtsausdruck. Zudem ist ein viel schnellerer Informationenaustausch möglich, während man seine Antwort besser durchdachen kann, weil der Gegenüber nicht im Bruchteil einer Sekunde deine Antwort einfordern kann. Langsam werden meine Daumen taub vom ununterbrochenen Schreiben. Probleme können verschoben werden, in dem man das Handy einfach zur Seite legt. In einem wirklichen Gespräch kann man nicht einfach die Person zur Seite schieben, in eine Schublade ablegen und erst später wieder herausholen, wenn man dann das passende Argument gefunden hat. Nach dem Modell von Schulz-von-Thun kann man nicht „nicht kommunizieren“. Jede Art von Antwort- selbst wenn es keine Antwort gibt- gibt eine Antwort auf meine Frage. Und so ist es auch mit dem Antworten auf die Whatsappnachricht. Durch diese Kommunikation ist ein großes Problempotential vorhanden, da jede Art der Kommunikation schnell in eine negative Botschaft umgewandelt werden kann. Außerdem heißt ein schneller Informationenfluss nicht, dass Probleme schneller geklärt sind, weil die Vielzahl der Nachrichten einen schnell das eigentliche Problem vergessen lassen, da man sich schon längst in das nächste Problem reingesteigert hat. Nebenbei können in den vielen Nachrichten auch viele Zusagen getätigt worden sein, sodass jeder Terminplaner nur überstrapaziert wird. Das schnelllebige Nachrichtenverschicken lässt langfristige Dinge vergessen. Worte sind so schnell verschickt, doch alle versprochenen Dinge nur so schwer umzusetzen. Kleinigkeiten sind der Grund für die Erklärungsnot. Kleinigkeiten sind schwarz auf Display gespeichert. Die Krankheit von dem Nachrichtenfluss abhängig zu sein gilt schon längst nicht mehr als Krankheit. Ich blicke von meinem Display auf und realisiere erst, was mit mir geschehen ist. Ich bin wirklich krank oder? Wie kann ich mich mitten an diesem schönen Tag mit diesen belanglosen Problemen aufhalten? Anstatt mich weiter zu freuen wie schön das Wetter ist, starre ich wie ein willenloser Zombie auf das Stück Plastik, was sich Smartphone nennt und antworte meinem provokanten Streitschreiber. Entschlossen schreibe ich den letzten Satz der Nachricht zu Ende, atme tief durch und stecke das Smartphone in meine Hosentasche. Das kann warten – ich muss mal kurz den Tag zu Ende leben!

Langersehnte Freiheit und doch findet man immer neue Arten sich selbst zu verpflichten, um zu etwas gezwungen zu sein. Muss man jede Nachricht sofort beantworten? Ich denke nicht. Den Tag zu Ende leben und dann zu antworten kann auch mal eine Lösung sein. In diesem Sinne: Genießt das schöne Wetter!

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